Würzburger Synode


Am 23. November 1975 wurde in meiner Heimatstadt Würzburg die gleichnamige Synode der westdeutschen Bistümer abgeschlossen – auf den Tag genau ein Jahrzehnt bevor mit der Firmung mein eigener Weg in das christliche Abenteuer des Lebens begann. An dieser Synode waren die besten Köpfe der deutschen Nachkonzilstheologie beteiligt (siehe z. B. die etwas konsterniert dreinschauenden jungen Professoren Karl Lehmann und Rolf Zerfaß auf dem Beitragsbild). Eine bleibende Erinnerung an die Zukunft!

Deutsches Konzil

Das im Würzburger Dom tagende „Deutsche Konzil“ (M. Plate) wollten den weltkirchlichen Aufbruch des Zweiten Vatikanums ortskirchlich realisieren. Seine Zusammensetzung (fast die Hälfte der mehr als 300 Synodal:innen waren voll stimmberechtigte Laien) wäre heute kirchenrechtlich kaum noch denkbar. Anders als beim Synodalen Weg, war der Würzburger Synode 1970 eine Befragung aller Katholik:innen durch das Institut Allensbach (Rücklauf: 4,4 Millionen Fragebögen!) vorausgegangen, deren Ergebnisse in die Synodenplanung eingeflossen sind. Viele ihrer Beschlüsse waren für die Nachkonzilspastoral wegweisend:

  • Gemeindepastoral („Von der vorsorgten zur mitsorgenden Gemeinde“)
  • Laienpredigt („Amtliche Beauftragung“)
  • Diakonat der Frau („Alte kirchliche Praxis“)
  • Jugendarbeit („Personales Angebot“)
  • Religionsunterricht („Sinndeutung“)

Insgesamt erscheint ein Rückblick auf die Würzburger Synode wie eine Erinnerung an bessere (Kirchen-)Zeiten: 1975 hieß der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz Julius Döpfner, der Papst Paul VI. und der Bundeskanzler Helmut Schmidt. Zehn Jahre – und eine konservative Wende – später hieß der DBK-Vorsitzende Joseph Höffner, der Papst Johannes Paul II. und der Bundeskanzler Helmut Kohl.

Ratzingers Abgang

Eine Synode ist immer auch ein kirchenpolitisches Ereignis. Besonders signifikant (und kirchengeschichtlich brisant!) an der Würzburger Synode ist das historische Detail, dass ihr Joseph Ratzinger nach einer verlorenen Abstimmung früh den Rücken kehrte und in der Folgezeit stets gegen demokratische Elemente in der Kirche eintrat. Karl Lehmann erinnert an diesen Konflikt zu Beginn der ersten Vollversammlung:

„Es gab eine schwierige Abstimmung am Anfang, eine Kampfabstimmung: Rahner oder Ratzinger? Es ging um die Zuwahl von Einzelpersönlichkeiten. Sie saßen nebeneinander […], und Karl Rahner war […] ein Symbol. Man hat gespürt, dass Ratzinger um 1969/70 einen etwas anderen Kurs eingeschlagen hat. Nach drei oder vier Wahlgängen wurde dann Pater Rahner mit einem ganz knappen Vorsprung gewählt. […] Ratzinger hat dies wohl nie ganz verwunden. Er war irgendwo […] getroffen, das kam in einem Statement in der Zeitschrift ‚Wort und Wahrheit’ deutlich durch: ‚Ich setze nicht auf Gremien, sondern auf prophetische Existenz.’ […] Er ist bald aus der Synode ausgetreten […]!“

Jesus in der Gremienmühle

Ratzingers anti-synodales Ressentiment wurde in der Folgezeit zu einem weltkirchlichen Problem. An einem Punkt hatte er jedoch nicht ganz unrecht: pastoralkulturell betrachtet, war die Würzburger Synode in ihrer technokratischen Ausgewogenheit ein durchaus ’sehr deutsches‘ Unternehmen. Dem Synodenteilnehmer und Frankfurter ‚Dichterpfarrer‘ Lothar Zenetti verdanken wir das wunderbare Gedankenexperiment, was mit dem synoptisch bezeugten Jesus-Satz „Wer mir nachfolgen will, nehme sein Kreuz auf sich und folge mir nach.“ (Mk 8,34) wohl geschehen wäre, wäre er denn als ‚Beschlussvorlage‘ in die synodale Gremienmühle geraten.

Eine erste Textstufe hätte Zenetti zufolge vermutlich folgendermaßen gelautet: „Die vom Herrn eindeutig geforderte Nachfolge besagt in der Regel das Aufnehmen des dem angerufenen Jünger spezifischen Kreuzes und damit der Nachfolge des Herrn durch ebendiesen Jünger.“ Am Ende einer weiteren synodalen Bearbeitung hätte dann, so Zenetti augenzwinkernd, folgender Konsenstext gestanden:

„Sofern uns das Zeugnis der Evangelien als ein sowohl damals entstandenes als auch in der heutigen Weltsituation gültiges authentisch überliefert ist, besagt die darin dem als dem Christus geglaubten Jesus von Nazaret zugeschriebene und von der durch die Zeiten pilgernden Kirche als seines geheimnisvollen Leibes treulich tradierte Aufforderung zur Nachfolge in Glaube, Hoffnung und Liebe in der Regel das Akzeptieren des dem jeweiligen Jünger je und je eigenen und Schicksal und Tod bezeichnenden Kreuzes, jedoch nur, wo dies möglich und üblich ist und wo dem nicht ernsthafte Bedenken des Pfarrgemeinderates wie auch gegebenenfalls des Pfarrers, der dabei im Regelfall der Zustimmung des Dekans bedarf, entgegenstehen.“

Unsere Hoffnung

Die Würzburger Synode hat jedoch – jenseits dieser so treffsicher gezeichneten Karikatur – durchaus höchst lesenswerte Texte hervorgebracht, deren prophetische Kraft noch immer zu inspirieren vermag. Wohl am meisten in die Zukunft weist noch heute das letzte von ihr beschlossene Dokument (ähnlich wie Gaudium et spes auf dem Zweiten Vatikanum), das eine Art programmatischer ‚Rahmentext‘ für alle anderen Beschlüsse darstellt: Unsere Hoffung. Ein Bekenntnis zum Glauben in dieser Zeit. Theologischer ‚Ghostwriter‘ dieses noch immer kraftvollen Textes war der wortgewaltige Münsteraner Fundamentaltheologe Johann B. Metz.

Der wohl stärkste ihm zu verdankende Satz der Synode ist ein sehr einfacher. Der Ruf in eine synodale Kirche, die ihrem Daseinszweck des „gemeinsamen Weges“ (griech. syn-odos) einer jesuanischen Reich-Gottes-Praxis alles innerkirchlich Übrige (z. B. die Klerus-Laien-Differenz) unterordnet: „Nachfolge genügt.“ Diese jesusbewegte Kurzformel führt in ein reichgottesfrohes „Leben zwischen vielen Fronten“: „Jesus war weder ein Narr noch ein Rebell; aber offensichtlich beiden zum Verwechseln ähnlich.“ Auf dem konziliaren Weg von einer „Kirche für das Volk“ zu einer „Kirche des Volkes“ hat dieses „Zeugnis gelebter Hoffnung“ auch eine politische Dimension: „Das Reich Gottes ist nicht indifferent gegenüber den Welthandelspreisen!“ In der Nachfolge Jesu gilt es daher, die christliche Hoffnung so „als ein Fest zu feiern“, dass die ganze Schöpfung befreit aufzuatmen vermag:

„’Die Welt‘ braucht keine Verdoppelung ihrer Hoffnungslosigkeit durch Religion; sie braucht und sucht (wenn überhaupt) das Gegengewicht, die Sprengkraft gelebter Hoffnung. […] Die eine Nachfolge muß viele Nachfolgende, das eine Zeugnis viele Zeugen, die eine Hoffnung viele Träger haben.“

Prophetisches aus dem Osten

Genau eine Woche nach der Würzburger Synode schloss am 30. November 1975 auch die Dresdner Pastoralsynode (1973-1975) der Bistümer in der DDR. Ihre Texte wurden unter dem Titel Konzil und Diaspora veröffentlicht – und ihr programmatischer Rahmentext Glaube heute ist nicht weniger zukunftweisend als Unsere Hoffnung. Seine Theologie einer schöpferischen Diaspora macht die ostdeutsche Kirche zu einem „exemplarischen Lernort“ (Rolf Zerfaß) für den Weg auch der westdeutschen Kirche in die gesellschaftliche Zerstreuung von morgen. Der Text nimmt dazu sowohl Impulse Rahners als auch Ratzingers auf. In der Spur Rahners heißt es:

„Die katholische Kirche in der DDR ist eine Diasporakirche. […] Durch gläubige Christen in der Diaspora wird der Geist des Evangeliums in einer nichtchristlichen Umwelt gegenwärtig und wirksam. Darüber hinaus lässt ein Leben unter Nichtchristen erkennen, dass der Geist Gottes auch außerhalb der christlichen Gemeinden wirkt.“

Soweit zunächst im Horizont der heilsentgrenzten Diasporatheologie Karl Rahners. Es folgt ein stärker von Joseph Ratzinger inspirierter Abschnitt zu Thema der christlichen Stellvertretung – der ebenfalls wie ein Blick in die gesamtdeutsche Kirchenzukunft wirkt:

„Wenn wir uns als kleine Gemeinde erleben, hilft uns der Glaube an die Bedeutung des EINEN für alle, einzelner für viele, kleiner Gemeinschaften für große Gebiete […]. Für unser Selbstverständnis in der Diaspora ist der Begriff der Stellvertretung von großer Bedeutung.“

Auch die Dresdner Synode hat eine geniale Kurzformel zu bieten, in welche diese beiden Ansätze münden. Sie entgrenzt die Ämtertheologie des Hl. Augustinus („Für euch Bischof, mit euch Christ“) mit Blick auf das zerstreute Leben von Christ:innen in der Welt von heute:

„Die Diasporasituation fördert Einheit und Zusammenhalt der Christen; doch werden die Gemeinden ihrer Situation erst dann gerecht, wenn sie sich nicht abschließen, sondern im Austausch mit den anderen stehen, mit ihnen Mensch und für sie Christ sind.“

Mit euch Mensch und für euch Christ – was für eine schöne synodale Kurzformel für die gesamtpastorale Welt-Mission einer Kirche des Konzils!


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