Dieses Pfarrhaus ist ein guter Ort. Seit einigen Wochen wohne ich nun, wenn ich während des Semesters in Münster bin, im Pfarrhaus der dortigen Kreuzkirche. Schon mein erster Eindruck von diesem ganzen Viertel am Rande der Altstadt war äußerst positiv – ich hatte mich sofort in den Stadtteil verliebt. ‚Südlicher‘ als im Kreuzviertel (und vielleicht noch am Hafen oder am Aasee) kann eine derart ’nördliche‘ Stadt wie Münster eigentlich gar nicht sein. Zuvor war ich im Borromäum untergekommen, dem Münsteraner Priesterseminar, in dessen gebautem Klerikalismus ich mich nie sonderlich wohl gefühlt habe: zwar kostengünstig, fakultätsnah und mitten im Stadtzentrum, aber irgendwie auch einschüchternd, überdimensioniert und mit unterkühlter Ausstrahlung.
Es war mein dritter Sommer in Münster, und ich radelte gerade zu einem Treffen mit Siegfried Kleymann, dem Pfarrer der katholischen Gemeinde im Kreuzviertel. Im Cusanuswerk, wo Siegfried Geistlicher Rektor und ich Studien- und Promotionsstipendiat war, hatten wir uns in den Jahren zuvor verpasst. Dafür hatte ich ihn bereits theologisch über seine Dissertation zu Joseph Wittig, dessen biografisch und kontextuell inkulturierte Bibelhermeneutik („Leben Jesu in Palästina, Schlesien und anderswo“) mich schon lange fasziniert, und als Geistlicher Begleiter des Synodalen Weges wahrgenommen. Auf dem Weg zu unserem ersten Treffen blieb ich an der Kreuzkirche hängen, einer neugotischen Bilderbuchkirche im Zentrum des nach ihr benannten Viertels.

Der Umraum dieser Kirche war überraschend belebt: Menschen saßen hier in der Abendsonne beieinander. Unter alten Bäumen, auf improvisierten Sitzgelegenheiten. Allein, zu zweit oder zu mehreren. Mit einem Buch, mit dem Handy, um ein Brettspiel versammelt, bei einer Flasche Wein. Wie ein ‚Draußenwohnzimmer‘ des ganzen Stadtviertels. Kirche als das pulsierende Herz eines Quartiers. Siegfried erzählte mir gleich zu Beginn unseres Gesprächs, dass das Ganze während der Covid-Pandemie angefangen habe – und dass die Kirchengemeinde sich an dieser Belebung des öffentlichen Raumes auch selbst aktiv beteilige. Pastoral als gelebte Nachbarschaft mit Menschen verschiedener Couleur. Auch zeitgenössische Kunst ist Teil dieser christlichen Stadtteilpräsenz: „Ja – ich – bin – da“ – so leuchtet es hier in großen Buchstaben vom Kirchturm in alle vier Himmelsrichtungen.

Ich dachte mir sofort: Hier bin ich genau richtig (auch wenn ich um die Begrenzungen der vermeintlich ‚heilen Welt‘ des linksliberalen Stadtbürgertums weiß). Und nun wohne ich schon seit einigen Wochen hier mit. In einem Gästezimmer mit Dusche in der Dachgeschoß-WG des Pfarrhauses der Kreuzkirche. Manche müssen 52 Jahre alt werden, um zum ersten Mal (zumindest teilweise) in einer WG zu leben… Ich hatte zuvor nicht nur einen Raum zum Wohnen gesucht, sondern auch einen Ort, an dem ich beten kann. Einen solchen hatte ich zuvor nicht. Hier kann ich es. Es gibt im Dachgeschoß ein Meditationszimmer – mein neues „Fenster nach Jerusalem“ (Dan 6,11). Hier im „Obergemach“ (Dan 6,11) des Pfarrhauses treffen wir uns immer wieder zu einem Morgengebet mit Frühstück. Endlich spüre ich nun auch in Münster so etwas wie geistliche Heimat. Außerdem schadet es einem Pastoraltheologen sicherlich nicht, auch hier einen Wurzelpunkt im pastoralen Alltag einer Pfarrgemeinde zu haben.





Rund um die Kreuzkirche pulsiert das urbane Leben: Restaurants, kleine Läden, Kaffeeröstereien, Handwerksbetriebe, Galerien – inmitten der normalen städtischen Infrastruktur. In dem nicht nur in seiner Vegetation sehr grünen Viertel (Kirschblütenstraße!) stehen viele Altbauten. Es dominiert der Jugendstil der Gründerzeit, aber es gibt auch die von mir sehr geschätzte Nachkriegsmoderne (Kreuzviertel-Kiosk, Kinopalast Schlosstheater): mit lichtem Flugdach, schlanken Pfeilern, tanzenden Treppen – und westfälischem Backstein. Einem digtalen Stadtmagazin zufolge ist das Kreuzviertel „das lebenswerteste Viertel der Stadt“: „Münster teilt sich in zwei Gruppen: Die eine, die im Kreuzviertel lebt, und die andere, die im Kreuzviertel leben möchte.“ Ein „vielversprechender Dreiklang“ prägt das Lebensgefühl: „Kulinarische Vielfalt, idyllische Orte zum Verweilen ohne Konsum und ein ausgeprägtes bürgerschaftliches Engagement“ – ganz so wie es auch mein erster Eindruck aus dem Sommer 2025 war:
„Die Stühle rund um die Kreuzkirche sind ein gutes Beispiel für das nachbarschaftliche Engagement der Kreuzvierteler: Eine Stadtteilbewohnerin stellte aus Eigeninitiative die ersten Sitzgelegenheiten auf. Als die Nachbarn merkten, dass die Idee gut ankam und sich die Menschen gerne im Schatten der Kirche niederließen, stellten immer mehr Kreuzvierteler ein paar Stühle dazu – und die Kreuzkirche bot sogar einen Kurs an, in dem gezeigt wurde, wie man Sitzgelegenheiten selber baut.“

Kein Wunder, dass genau hier 2019 auch die kirchliche Reformbewegung Maria 2.0 ihren Anfang nahm, die auf einen Lesekreis einiger engagierter Frauen der Kreuzkirchen-Gemeinde zurückgeht, die miteinander das Lehrschreiben Evangelii gaudium von Papst Franziskus gelesen haben…
Bildquellen: Ch. Bauer, Kreuzkirche (Bilder 1 und 2)

