Topologia della gioia

Dieses Buch ist nicht nur am Schreibtisch entstanden. Sergio Massironis Una topologia della gioia löst vielmehr das Postulat von Papst Franziskus ein, dass nicht nur die Pastoral, sondern auch die Theologie „nach Volk und nach Straße“ riechen müsse. Es bietet eine synodal, d.h. gemeinsam unterwegs entstandene ‚Theologie der Ränder‘, die aus einem vom verstorbenen Papst beauftragten und von Massironi geleiteten Forschungsprojekt („Doing Theology from the Existential Peripheries“) des Dikasteriums für die ganzheitliche Entwicklung des Menschen hervorgegangen ist. Es handelt sich also um die synodaltheologische Pionierforschung einer „postklerikalen und postkolonialen Kirche“ (277), die an der Schnittstelle von kirchlicher Autorität (einem Dikasterium der Römischen Kurie) und akademischer Theologie (der Katholisch-theologischen Fakultät der Universität Wien) entstanden ist.

Synodale Gegenwartspraxis und theologische Vergangenheitsdiskurse werden dabei in eine kreative Differenz versetzt. Der ERSTE TEIL des Buches widmet sich einer ‚Dezentrierung‘ klassischer theologischer Diskurse von konkreten existenziellen Peripherien her. Der ZWEITE TEIL entfaltet eine empirisch dichte und theologisch genaue ‚Phänomenologie der Freude‘, die sich im hörenden Gespräch mit Menschen von den Rändern erschließt. Abschließend skizziert ein DRITTER TEIL ein ‚globales Panorama‘ von persönlichen Zeugnissen dieser gesellschaftlich wie kirchlich Marginalisierten, das Stimmen jedes Kontinents als theologische Orte würdigt.

Konziliarer Ansatz

Der Verfasser folgt einem konziliaren Ansatz, der im konzeptuellen Rahmen einer erneuerten Offenbarungstheologie steht, deren historische und kontextuelle Dimension mit dem Zweiten Vatikanischen Konzil als „pastorales Paradigma“ (131) bezeichnet wird. Diese pastoral konstituierte Konzilshermeneutik basiert auf einer reziproken Verschränkung von Dogma und Pastoral in der Offenbarungskonstitution Dei verbum und in der Pastoralkonstitution Gaudium et spes, die Gaudium et spes als ‚zweite Offenbarungskonstitution‘ des Konzils und Dei verbum als dessen ‚zweite Pastoralkonstitution‘ erweist. Darin realisiert sich, was Papst Johannes XXIII zur Konzilseröffnung das „pastorale Wesen“ des Lehramtes nannte.

In dieser konziliaren Wechselseitigkeit von Dogma und Pastoral erweist sich das jesuanische Evangelium vom Reich Gottes als eine „Offenbarung der Freude“ (86), deren privilegierter Ort die Peripherien menschlicher Existenz sind. Mit dieser offenbarungstheologischen Situierung überschreitet Massironi das Anwendungsparadigma der vorkonziliaren Schultheologie, demzufolge dogmatische Prinzipien auf pastorale Situationen anzuwenden sind. In einem konstitutiven (und nicht nur applikativen) Zusammenhang realisiert er stattdessen eine „Verbundenheit von ‚Orten‘ und Offenbarung“ (10), die im Sinne des Konzils nicht nur den pastoralen Sinn des Dogmas, sondern auch die dogmatische Bedeutung der Pastoral erschließt.

Empirische Methode

Der epistemisch wichtigste Ertrag Massironis besteht dabei in seiner theologischen Methodik, die den synodal turn der römisch-katholischen Kirche in ein überzeugendes wissenschaftliches Vorgehen („manera de proceder“) übersetzt. Dieses reflektiert auf das genannte römische Forschungsprojekt in der Weise einer empiriebasierten theologischen Metatheorie. Damit wird in methodischer Hinsicht das Normalmaß sozialwissenschaftlich ausgerichteter Empirischer Theologie überschritten. Dort wird der empirische Forschungsaspekt nicht selten mit derart großem Aufwand betrieben, dass für seine theologische Diskursivierung am Ende kaum noch Zeit und Energie bleiben. Das ist hier anders. Massironi arbeitet in epistemisch gleichintensiver Weise synodalempirisch und offenbarungstheologisch.

Dabei geht es um eine „Identifizierung von ‚Perlen‘, d. h. jener Zitate, die in den sechs Abschlussberichten die Grundlage für eine aufkeimende theologische Neubetrachtung bilden“ (30) und somit um „etwas, das der wertvollen ‚Perle‘ aus dem Gleichnis des Evangeliums sehr ähnlich ist“ (30). Dieses Suchen nach theologischen Schätzen im empirischen Material ermöglicht eine „spekulative Extrapolation” (Steven Shaviro): eine theologische Explikation von implizit Theologischem. Äußerungen des synodalen Praxisfeldes verwickelt diese mit Stimmen des theologischen Diskursarchivs in ein weiterführendes Gespräch – insbesondere in einem wechselseitig kreativen ‚Ineinander-Lesen’ von biblischen und heutigen Narrativen.

Synodale Theologie

Ein weiterer wichtiger Ertrag des Buches ist unmittelbar mit dieser theologischen Methodik verbunden: die empirisch erhobenen Leutestimmen selbst. Auch für sie gilt der wunderbare Titel, den Ernesto Cardenal 1975 seiner Sammlung von Stimmen einfacher Bauern und Fischer von Solentiname gab – sie sind das ‚Evangelium‘ vieler kleiner Leute im weltweit verstreuten Volk Gottes. Oder anders gesagt: ein locus theologicus mit eigener Autorität. Ich selbst spreche in diesem Zusammenhang von einer akademisch nicht nur relevanten, sondern auch ‚revelanten‘, d. h. offenbarenden Leutetheologie („Leutetheologie“). Diese ermöglicht auch der Theologie eine synodale Selbstbekehrung („conversión pastoral“), die zugleich der erste Schritt einer umfassenden Evangelisierung von Kirche und Gesellschaft ist.

Denn eine sich synodalisierende Kirche braucht auch eine mitgehende Theologie: eine ‚Vademecum-Theologie‘, die bereit ist, bis an die Peripherien menschlicher Existenz zu gehen. Massironi spricht von der „Notwendigkeit selbst für Theolog:innen, in einer Haltung der Jüngerschaft zu bleiben“ (258). Dieser synodale Theologieansatz ermöglicht es, im Hören auf Stimmen aus der Weltkirche, ohne ‚Whataboutism‘ gängige innerkirchliche „Opferkonkurrenzen“ (Regina Ammicht-Quinn) zwischen den Opfern gesellschaftlicher und kirchlicher Machtstrukturen zu unterlaufen. Ein schönes Beispiel dafür ist die folgende Äußerung von Margaretha, einer indonesischen Wanderarbeiterin in Hongkong, die zeigt, dass die Frage der Geschlechtergerechtigkeit innerhalb der Kirche kein vermeintliches ‚Luxusproblem des Westens‘ darstellt: „Ich sehe, dass derzeit die meisten von uns Frauen sind […]. […] Alles wird von uns hier geleitet, aber manchmal kommen mir Fragen in den Sinn. Warum kann nur ein Mann der Eucharistie vorstehen […]? Warum können Frauen das nicht tun?“ (180).

Offenbarende Apokalyptik

Diese synodale ‚Leutetheologie‘ wird von Massironi offenbarungstheologisch rekonstruiert – nicht in dem einfachen Sinn, dass die empirisch gesammelten Leutestimmen eine unmittelbare Quelle der Offenbarung wären („Vox populi vox Dei“). Wohl aber im Sinne einer explorativen Theologie, die in der heutigen Lebenswirklichkeit nach offenbarungstheologisch relevanten Orten sucht. Der französische Konzilstheologe M.-Dominique Chenu sprach von „faits révélateurs“. Diese suchende Theologie, die von der Offenbarung Gottes noch gar nicht alles weiß und daher immer wieder auf Erkundung gehen muss, wird von Massironi nicht nur auf überzeugende Weise konzilstheologisch von Dei verbum und Gaudium et spes her begründet, sondern auch bibeltheologisch im Rückgriff auf die Apokalypse des Johannes.

Eine der originellsten Verknüpfungen dieses Buches besteht in seiner biblisch-systematischen Verbindung von Apokalyptik und Offenbarung, die an den konziliaren Begriff der Zeichen der Zeit anknüpft. Massironi verweist dabei zunächst auf den griechischen Offenbarungsbegriff apocalypsis: Aufdecken, Enthüllen, Sichtbarmachen. Ähnlich funktioniert auch das lateinische Wort revelatio: das Tuch („velum“) lüften („re-velare“). Bibel macht hier Gegenwart spirituell beschreibbar und Gegenwart macht hier Bibel aktuell offenbarend – eine wechselseitige Hermeneutik von Zeichen der Schrift und Zeichen der Zeit, welche die aktuelle Wahrheit des Evangeliums weder nur aus der Bibel deduziert noch nur aus der Gegenwart induziert, sondern beide in abduktiver Gleichstufigkeit zu theologisch Neuem verbindet.

Kartierende Topologie

Eine weitere originelle Verknüpfung besteht in der Verbindung von Apokalyptik und Topologie. Dabei entfaltet Massironi eine biblisch-theologisch höchst kreative Lesart der Offenbarung des Johannes, die eine pneumatologisch grundierte Topologie entwirft. Für die sieben Gemeinden, an die der Auferstandene seine sieben Briefe sendet, gilt jeweils: „Wer Ohren hat, der höre, was der Geist den Gemeinden sagt.“ Es ergibt sich eine aufregende biblische Analogie. Die sieben Gemeinden des Johannes – das sind heute die fünf Kirchen aller Kontinente. Auch hier gilt es synodal zu hören, was der Geist den Gemeinden sagt. Es ergibt sich eine Topologie von Orten, die in diesem apokalyptischen Sinn theologisch offenbarungsträchtig sind.

Um die enorme Menge seines empirischen Materials im Horizont dieser Apokalyptik offenbarungstheologisch bearbeitbar zu machen, fokussiert der Verfasser auf idealtypische Kontinentalthemen. Es ergibt sich die globale Kartierung einer „Topologie, die fünf Komponenten berührt“ (132): Ozeanien erneuert die Harmonie der Schöpfung, Asien lässt die Würde der Geschlechter erblühen, Nord- und Lateinamerika lässt Mauern einstürzen, Afrika ändert das Vorzeichen der Autorität und Europa öffnet die Sehnsucht der Freiheit wieder. Für alle Orte dieses theologischen Mappings gilt: „Es geht um konkrete Situationen, die als ‚theologische Orte‘ erscheinen, von denen her der Auferstandene selbst das Wort ergreift.“ (347).

Theologisches Fazit

Ausgehend von faszinierenden Originaltönen aus dem gesamten Volk Gottes, dezentriert Massironi in seinem Buch eine vermeintliche ‚Mitte‘ in jesuanischer Weise von ihren Rändern her hin. Vor dem schultheologischen Hintergrund seines römischen Entstehungskontextes ist dieses Vorgehen in höchstem Maße bemerkenswert. Möglicherweise bahnt sich auch hier ein theologischer Paradigmenwechsel an: das Zweite Vatikanum („Paradigma pastorale“) scheint im Sinne davon geprägter nachkonziliarer Aufbrüche nun auch im Vatikan angekommen zu sein. In jedem Fall hat der Verfasser ein biblisch fundiertes und spirituell reiches, kirchlich herausforderndes und gesellschaftlich relevantes, lebensweltlich verortetes und wissenschaftlich überzeugendes Buch vorgelegt, dessen Veröffentlichung in englischer und anderen Sprachen aufgrund ihrer überregionalen Bedeutung angezeigt erscheint. Der Verfasser selbst sagt, worum es hier mit Blick auf eine synodale Theologie geht: „Ein neues Reden Gottes hat begonnen“ (357).

Ein theologisches Must read!


Dieser Text ist die deutsche Langfassung einer Rezension zu Sergio Massironis grandioser, von Kurt Appel und mir begleiteter Wiener Dissertation Topologia della gioia. Dove il Concilio Vaticano II è in azione, die am 3. April 2026 unter dem Titel Quando il centro sta nelle periferie dell’esistenza. Il valore della teologia sinodale in «Una topologia della gioia» di Sergio Massironi im OSSERVATORE ROMANO erschien.

Dieser Ort ist für mich persönlich von besonderer Bedeutung. Denn im offiziösen OSSERVATORE ROMANO wurde 1942 die römische Lehrverurteilung von M.-Dominique Chenu bekannt gegeben, dem meine eigene Tübinger Dissertation („Ortswechsel der Theologie“) gewidmet war. Die genannte Rezension besteht in ihrer gesamten theologischen Grammatik aus Chenu – eine späte Genugtuung.

Kleines Vergnügen am Rande: Ich konnte im Text ein Zitat von Regina Ammicht-Quinn unterbringen, deren Berufung auf einen Lehrstuhl Rom mehrfach verhinderte. Diese Zeiten scheinen vorbei zu sein. Ein theologischer Paradigmenwechsel auch dort? Zumindest wirkt das kirchliche Diskursfeld seit Papst Franziskus auf eine Weise offen, die auch Papst Leo offenbar nicht wieder zurücknimmt…