Stolz

Kristian Fechtner – seit vielen Jahren einer meiner evangelischen Lieblingskolleg:innen – hat gerade in Mainz eine grandiose Abschiedsvorlesung gehalten. Unprätentiös und pathosfrei. Und zugleich genau beobachtet, präzise durchgearbeitet und brillant formuliert. Eine Vorlesung wie guter Jazz (z. B. wie der im musikalischen Rahmen zu hörende): beschwingt, inspirierend, leicht – aber nie trivial.

Sehr typisch: Die Geschichte zum Pinguin auf dem Plakat. Kontext ist ein Seminar zur Anthropologie während des Marburger Studiums. Es ging um das Spezifikum des Menschen, aufrecht und frei in der Welt zu stehen. Und dann die wunderbare Frage einer Studentin, welche die ‚Gravitas‘ dieser theologischen Anthropozentrik ebenso spielerisch wie ernsthaft dekonstruierte: „Und was ist mit den Pinguinen?“

Aus diesem Anlass veröffentliche ich im Folgenden einen Redetext, den ich eigentlich zu seinem 60. Geburtstag hätte vortragen sollen, der 2021 jedoch aufgrund der Covid-Pandemie ausfallen musste (und daher zunächst unvollendet blieb). Dass er sich dieses Thema wünschte, zeigt Kristian Fechtners Liebe zu vermeintlich abseitigen Dingen, die dennoch ein hohes theologisches Erkenntnispotenzial aufweisen.

Wir haben viele gemeinsame Interessen, auch wenn wir sie oft unterschiedlich versprachlichen (größter Dissenspunkt = Religionsbegriff): Theologie als christliche Zeitgenossenschaft. Wissenschaft auf Erkundung. Flacher Einstieg ins Feld – und dann erst einmal schauen. Von Fall zu Fall vorantasten. Alltagsreligiosität bzw. Leutetheologie erheben. Popkultur als theologischer Ort. Liebe zu griffigen Formulierungen („Überlastungsstolz“), übersehenen Zwischengraden („Mild religiös“) und alltagssprachlichen Goldkörnern („Das hat was“).

Kristian Fechtner ist ein Musterbeispiel dafür, dass man mit Theolog:innen anderer Konfessionen mehr gemeinsam haben kann als mit vielen aus der eigenen Zunft. Wir sind nicht nur Erstakademiker der Herkunftsfamilie, wir teilen auch intuitive Erstzugänge und epistemische Grundhaltungen. Es geht uns beiden – so kürzlich beim Italiener in Hamburg festgestellt – um kreativ ‚eigensinnige‘ Anschlüsse, die theologische Inspirationen zu Eigenem ermöglichen. Ich hoffe sehr auf bleibenden Kontakt – auch ohne dienstliche Anlässe.

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Vielen Dank für die Einladung, beim Symposion zum Geburtstag eines so herausragenden evangelischen Fachkollegen wie Kristian Fechtner sprechen zu dürfen. Sie erfüllt mich, nun ja… mit Stolz? Sie hören vermutlich bereits am berechtigten Zögern in meiner Stimme – eingefangen und ausgedrückt in einem Fragezeichen – dass mir dieser Begriff mit Blick auf die eigene Person nicht so leicht über die Lippen geht. Noch dazu im Kontext einer Festrede für eine zu ehrende andere Person, auf welche die Universität Mainz, die evangelische Praktische Theologie insgesamt und auch die evangelische Kirche hierzulande tatsächlich stolz sein können…

Kristian Fechtner war Marburger Assistent von Henning Luther und ist Mainzer Nachfolger von Gerd Otto – alles Dinge, auf die er auch selbst mächtig stolz sein könnte. Aber ist er das: stolz? Irgendwie passt das nicht. Vor allem dann nicht, wenn man Stolz mit so etwas auch theologisch Negativem wie Überheblichkeit gleichsetzt… Kristian ist alles andere als stolz in diesem Sinne. Ganz im Gegenteil – am Rande einer Herausgebenden-Konferenz von Praktische Theologie heute habe ich von ihm sogar das wunderbare Wort ‚Überlastungsstolz‘ gelernt, das eine akademische Variante von professoraler, bischöflicher oder sonstiger Überheblichkeit darstellt.

Aber: Ist Stolz immer nur negativ? Gibt es nicht auch positive Varianten des Stolzes? Es lohnt sich, in dieser Sache genau das zu tun, was Kristian Fechtner zum Programm seiner Praktischen Theologie erhoben hat und was auch für meine eigene Arbeit von Bedeutung ist: auf Erkundung gehen.

1.  Spurensuche in der zeitgenössischen Popkultur

Von den vielen Dingen, die mich mit Kristian Fechtner verbinden, ist eines unser gemeinsames Interesse an der zeitgenössischen Populärkultur. Mit dieser ‚Leutekultur‘ hat auch jene milde Religiosität zu tun, der er 2023 sogar ein ganzes wunderbares Buch widmete. Kristian Fechtner hat nicht nur 2005 das Handbuch Religion und populäre Kultur mitherausgegeben, sondern auch 2017 in dem von ihm mitverfassten Lehrbuch Praktische Theologie einen Text zu Religion und Gegenwartskultur veröffentlicht – ein explorativer Weltzugang, den ich in seiner Festschrift 2021 einer politisch-theologischen Relecture unterzogen habe.

Der christliche Normalzugang zum Stolz ist in den meisten Fällen zunächst einmal negativ. Gute Christ:innen sind nicht stolz (in seinen Dankesworten am Ende des Festaktes zu seiner Emeritierung sagte Kristian Fechtner: „Protestanten sagen immer ‚Ich bin dankbar‘, wenn sie meinen ‚Ich bin stolz'“). Diese moralinschwangere Perspektive hat dann auch auf das popkulturelle Image des Stolzes abgefärbt. Ein cineastisches Beispiel dafür ist der schon nicht mehr ganz zeitgenössische, dafür aber noch immer sehenswerte Film Seven, ein US-amerikanischer Horrorthriller aus dem Jahr 1996 – keine dänische Programmkino-Preziose in edlem Schwarzweiß, sondern ein gut gemachter Hollywood-Blockbuster. Auch das kann ein theologischer Erkenntnisort sein!

Es geht darin um einen Serienmörder, der Menschen entlang der sieben klassischen sogenannten ‚Todsünden‘ (lat. peccatum mortiferum oder mortale) ermordet, d.h. sie an Gottes Statt eigenmächtig mit dem Tod ‚bestraft‘. Der fünfte dieser Morde betrifft ein Model, deren Leichnam mit verstümmeltem Gesicht in seinem Schlafzimmer gefunden wird. Der Mörder hatte sie vor die Wahl gestellt, entstellt weiterzuleben oder aber den Tod zu akzeptieren. Über dem Bett steht mit dem Blut des Opfers das Wort „Pride“ (also: Stolz) geschrieben. Stolz als zu sühnende Todsünde? Oder ist da doch noch mehr? Mehr als eine nur fallweise positiv zu wertende felix culpa? Vielleicht sogar so viel mehr, dass man mit Kristian Fechtner auch in diesem Fall sagen kann: „Das hat was“?

2.  Spurensuche im christlichen Begriffsarchiv

Es lohnt sich, vor diesem Hintergrund in das Archiv christlicher Diskurse einzutauchen und von dorther die semantische Mehrdeutigkeit des Stolzbegriffs differenzierend durchzuspielen (auch wenn die folgenden Beispiele zunächst noch negativ konnotiert sind): Überheblichkeit, Selbstruhm, Hochmut. Mit allen drei Begriffen lässt sich das lateinische Wort superbia passgenau übersetzen:

  • In meiner eigenen Konfession ist die Superbia-Variante der Überheblichkeit vor allem als Klerikalismus (bisweilen auch in professoraler Form) bzw. Co-Klerikalismus anzutreffen: als „statusbegründete Selbstherrlichkeit“ (Rainer Bucher) eines Kirchenstandes.
  • Damit verbunden ist die zweite Variante des Selbstruhms – biblisch bei Paulus: der kauchesis. Wenn man sich als Christ:in überhaupt für irgendetwas rühmen kann, dann allenfalls um des Evangeliums willen der eigenen „Schwachheit“ (2 Kor 12,9).
  • Ähnlich wie Überheblichkeit und Selbstruhm funktioniert der Hochmut. Wie der Übermut tut auch dieser nur selten gut – bekanntlich kommt er vor dem Fall.

Im deutschen Wort ‚Hochmut‘ steckt in verschiedener Gestalt aber auch der Mut: der bereits genannte Übermut, ebenso wie der ungleich positivere Wagemut und der vollends positive Lebensmut. In diesem semantischen Feld ließe sich der Hochmut nicht nur als Adjektiv mit ‚hochmütig‘ wiedergeben, sondern auch in das Prädikat ‚hochgemut‘ hinein transformieren. Damit kommen wir schon langsam bei einem positiven Begriff des Stolzes an. Denn wie alle großen Dinge im Leben ist auch dieser existenziell zweiwertig – d.h. er ist (zumindest potenziell) gut und schlecht zugleich. Um seinen positiven Gehalt zu erschließen, wird es nun politisch:

3.  Spurensuche im politischen Gegenwartsdiskurs

Reinhard Koselleck ist so etwas wie der ‚Kristian Fechtner‘ der Geschichtswissenschaften: Er hat keine echten Feinde, auf ihn können sich alle irgendwie verständigen. Koselleck hat in einer gelungenen Begriffsbildung von „asymmetrischen Gegenbegriffen“ gesprochen: Zuschreibungen für einander entgegengestellte Menschengruppen wie Christen und Heiden, Kleriker und Laien oder Weiße und Schwarze, deren negativer Gehalt nur von einer der beiden Seiten akzeptiert wird. Hier ein Bild zum letztgenannten ‚asymmetrischen Gegenbegriff‘ – ein Foto aus den Black-Lives-Matter-Protesten nach dem Mord an George Floyd im Jahr 2020:

Es lohnt sich, hier etwas genauer hinzuschauen – auch dieser genaue Blick ist etwas, das man von Kristian Fechtner lernen kann. Beim Morgenkaffee auf SPIEGEL ONLINE am rechten Bildrand entdeckt: eine ältere Afroamerikanerin, welche die US-Polizeigewalt mit unglaublicher Würde kontert. Die Augen geschlossen, steht sie aufrecht in der Sonne und erhebt die Hände. Sie ist Teil der Szene, befindet sich aber auch irgendwie außerhalb davon – innerlich festgemacht in etwas, das allen Rassismus übersteigt: We shall overcome.

Sie verkörpert einen beeindruckenden Stolz – einen durch und durch positiven Stolz, der die abwertenden Fremdzuschreibungen von ‚asymmetrischen Gegenbegriffen‘ souverän in eine ermächtigende Selbstaufwertung umkehrt. Stolz auf das Stigma der eigenen Hautfarbe. Empowement im politischen Kampf gegen Fremdabwertung – aufrecht gegen das rassistische Ressentiment der offenbar Stärkeren stehend. Nicht groß und laut im Zentrum des Bildes, zugleich aber auch alles andere als klein und schwach.

Diese soziale Ikonografie unserer Gegenwart „reinszeniert“ (Henning Luther) auf säkulare Weise das Evangelium – und zwar im biblischen Narrativ von der Stärke der vermeintlich Schwachen: David gegen Goliath. Hier ist äußerst positiver Stolz im Spiel: Prowd to be a black women. Prowd to be a Jewish or Muslim person. Oder auch: Gaypride. Self-esteem, die Wertschätzung der eigenen Person, die zugleich auch eine Wertschätzung anderer Personen ermöglicht, kann eine höchst passende Übersetzung des Stolzes sein.

Stolz als Herrschaftsbegriff in asymmetrischen Machtverhältnissen oder aber Stolz als Widerstandsbegriff in symmetrisierenden Ohnmachtsdynamiken – das macht schon einen Unterschied. Stolz aus Stärke (bzw. aus Angst um deren Verlust) zeitigt Negatives, Stolz aus Schwäche (bzw. im Kampf um deren Stärke) hingegen Positives. Als sich selbst ermächtigender und andere zugleich entmächtigender Anspruch ist er nicht christlich, als sich selbst und andere ermächtigender Zuspruch hingegen schon.  

Alltagssprachlich sprechen wird das ja auch immer wieder gerne anderen zu: „Da kannst Du aber wirklich stolz darauf sein“ oder „Wir sind ja sooo stolz auf Dich… “

Das hat schon was.