Mitbrüder

Da war es wieder, das Wort „Mitbrüder” – ein Begriff aus dem Vokabular des Klerikalismus, der bei mir (und auch bei vielen anderen) so manche Knöpfe drückt. Ein frisch ernannter deutscher Erzbischof antwortete kürzlich in einem Interview auf die Frage nach seiner Zeit als Regens im Priesterseminar: „Ich denke, für einen Bischof ist es gut, wenn er diese Wertschätzung für die Priesterausbildung mitbringt. Innerhalb der Bischofskonferenz waren zudem viele Mitbrüder in irgendeiner Weise in der Priesterausbildung tätig.“

Korpsgeist toxischer Männerbünde

Es gibt Worte im kirchlichen Alltagsjargon, gegen die ich mittlerweile eine tiefsitzende Aversion entwickelt habe. Eines davon ist der hier verwendete Begriff der „Mitbrüder“. Darin wird ein auf toxische Weise männerbündischer Korpsgeist nicht weniger Priester sichtbar, der mit einem klerikalen Distinktionsgewinn verbunden ist, den ich (wie viele andere) nicht mehr hinzunehmen und wegzustecken bereit bin. Der Begriff sollte vielmehr schnellstmöglich auf die Liste kirchlicher Unworte gesetzt werden. Denn eine exklusiv verbrüdernde Wendung wie diese schließt nicht nur nichtgeweihte Christ:innen aus (vor allem derzeit nicht ‚weihefähige‘ Frauen), sie schließt (und das ist nicht besser) auch geweihte Priester ein – nämlich in die babylonische Gefangenschaft des Klerikalismus.

Synodale Entgiftungskur

Klerikalismus hat viele Gesichter. Nicht nur von Priestern, sondern auch von Laien (Michael Schüßler spricht von einem „Co-Klerikalismus”). Spätestens jedoch seitdem bekannt wurde, dass der ehemalige Kölner Kardinal Joachim Meisner ein Geheimdossier mit Akten von Missbrauchstätern „Brüder im Nebel“ nannte, erscheint mir der exklusiv von Priestern für Priester verwendete Begriff der „Mitbrüder“ nicht einfach nur suspekt (und gesamtkirchlich irgendwie noch ‘kontextualisierbar’), sondern im Sinne der systemischen (Ab-)Gründe von sexuellem und spirituellem Missbrauch auch brandgefährlich. Denn er repräsentiert eine toxische Kirchensprache, die ganz dringend einer tiefgreifenden und umfassenden Entgiftungskur auf synodalem Weg bedarf.

Gottes-, nicht Klerikerherrschaft

Gott sei Dank gibt es auch viele nichtklerikale Priester (und Bischöfe), die sich nicht primär als Kleriker, sondern als geschwisterliche Mitchristen (und Mitmenschen) verstehen. Mit einigen bin ich befreundet – und ich wünsche ihnen von Herzen, bei diesen „Mitbrüdern“ nicht ‚mitgemeint’ zu sein. Sie sind Verbündete auf dem Weg zu einer synodalen Kirche, die sakralisierte Machtasymmetrien (egal, ob sie katholisch mit Römerkragen oder evangelisch in der Cordhose daherkommen) in einer umfassenden Selbstbekehrung zum Evangelium überwindet. Und die sich wieder neu als eine Societas Jesu“ auf dem gemeinsamen Weg („syn-hodos“) der Nachfolge versteht – als eine jesusbewegte Weggefährt:innenschaft der anbrechenden Gottes- und nicht Klerikerherrschaft. 

Habitus gewordenes Standesdenken

Ich denke mir jedes Mal, wenn jemand von seinen „Mitbrüdern“ spricht: Sind wir vom Evangelium her denn nicht alle Schwestern und Brüder? Wozu dann diese abgrenzende Eingrenzung bzw. eingrenzende Abgrenzung? Und ich denke mir dann zugleich auch immer wieder: Entweder Brüder und Schwestern (und alles Geschlechtliche dazwischen) oder gar nichts – aber bitte nicht „Mitbrüder”. Dieser Begriff bringt ein tief eingeschliffenes, längst zum klerikalen Habitus gewordenes Standesdenken zum Ausdruck – eine sakralreligiös überhöhte Grundhaltung, in den man (auch sprachlich) bereits im Priesterseminar hineinsozialisiert wird und die einen Verrat am Evangelium von der fundamentalen Gleichheit aller Getauften (vgl. expl. Gal 3,28) darstellt.

Zeugnis wider das Evangelium

Klerikalismen, die sich in dieser diskriminierenden Sprache nicht nur abbilden, sondern auch performativ hervorbringen und verstärken, schaden der sakramentalen Struktur der Kirche, denn sie laufen ihrer eigenen Sakramentalität (Stichwort: Sakramentale Ekklesiologie des Zweiten Vatikanischen Konzils) zuwider. Sie ist dann kein – so die klassische Sakramentendefinition – sichtbares Zeichen („signum visibile”) der unsichtbaren Gnade („invisibilis gratiae”) mehr, sondern ein manifestes Zeugnis wider das Evangelium. Klerikalistische Sprachspiele sind nämlich nicht nur nicht evangeliumsgemäß, sie belegen auch eine von der Kirche selbst ausgehende ‘Verdunklungsgefahr‘: „Die Gläubigen können […] durch […] die […] Mängel ihres eigenen religiösen Lebens das wahre Antlitz Gottes […] eher verhüllen als offenbaren [potius velare quam revelare].“ (Gaudium et Spes 19).

Lebensförderliche Spiritualität

Nicht nur für Kölner ‘Nebelbrüder’ ist es noch ein weiter Weg, bis wir das Amtsverständnis eines sazerdotal-sakralisierend enggeführten Tempelopfer-Weihepriestertums von „Mitbrüdern“ überwunden haben (einen Anfang machte das Zweite Vatikanum, als es sein Priesterdekret nicht „Sacerdotorum ordinis“, sondern „Presbyterorum ordinis“ nannte) und stattdessen die geteilte Hirtensorge einer biblischen Ämtervielfalt wiederentdecken, die im Geist synodaler Jesusnachfolge dann auch eine lebensförderliche Spiritualität des priesterlichen Dienstes ermöglicht. Sonst können wir uns alle kirchliche Reformrhetorik sparen. Wie wäre es für den Übergang mit folgender Sprachregelung: Ganz einfach nur „Schwestern und Brüder” – ohne jedes (selbst-)exkludierende „Mit-“?

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