Mission am Kneipentresen

Es dürfte nicht viele christliche Orden geben, die in einer Kneipe gegründet wurden. Zumindest beim Prediger:innenorden (landläufig: Dominikaner:innen) ist jedoch genau das der Fall. Sein Gründungsnarrativ führt an den Kneipentresen eines häretischen Gastwirts in Toulouse. Dominikus hat den Katharer („Ketzer“) dort innerhalb von nur einer Nacht – so erzählt die Legende – nicht mit Flamme und Schwert, sondern mit der Überzeugungskraft des Wortes bekehrt. Was bei dieser Geschichte allerdings meist nicht miterzählt wird, ist ihr (theologisch sehr spannender) zweiter Teil: dass Dominikus nämlich von diesem Tag an ein Leben als Wanderprediger führte, der den christlichen Glauben nicht mehr wie die Päpstlichen Legaten vom hohen Ross herab („equester“), sondern auf Augenhöhe, d.h. zu Fuß gehend („pedester“) bezeugte: Leben wie die Ketzer, lehren wie die Kirche. Eine doppelte Bekehrung: des Gastwirts zum Glauben der Kirche und des Dominikus zum Leben des Evangeliums. Denn Mission ist keine Einbahnstraße!

Offen bleiben, sich verändern zu lassen

Der aus den Philippinen stammende Ordensmeister Gerard F. Timoner hat das vor kurzem in einem Interview wunderbar ins Wort gebracht. Er konterkariert damit ein kolonial-identitäres Missionsverständnis, das vor allem das eigene Territorium erweitern und dabei selbst unverändert bleiben möchte – und weist in Richtung eines explorativ-alteritären Verständnisses von der eigenen Mission in der Welt:

„Mein Wunsch für alle, die sich auf den Weg machen, ist, offen dafür zu bleiben, sich verändern zu lassen. […] Unser Ordensgründer zum Beispiel hatte eine erfolgreiche Karriere in der Kirche begonnen, als ihn etwas veränderte […]. Wir wissen nicht, was es war, aber er wollte von da an nur noch als Bruder Dominik angesprochen werden. Vielleicht trug das legendär überlieferte nächtliche Gespräch mit einem Wirt dazu bei. Vielleicht können wir aufmerksamer werden, uns […] verändern zu lassen von Menschen, denen wir begegnen und die womöglich ganz anders sind als wir. Und die wir vielleicht auch verändern. Wenn ‚predigen‘ bedeutet, Menschen auf Augenhöhe zu begegnen, dann verändern sich nicht nur die Zuhörenden. Nehmen wir in unserem Dialog mit der Welt wahr, wie wir selbst verändert werden und wer uns verwandelt?“

Für alle Schwestern, Brüder und Laien im Prediger:innenorden gilt mit Blick auf diese dominikanische Welt-Mission der folgende „Brief an einen Novizen”

„Lieber Bruder, vor nicht allzu langer Zeit hast Du an die Tür eines unserer Konvente geklopft […]. Du bist voller Erwartungen und Hoffnungen gekommen: mit Deiner Frage nach Gott, der Suche nach Deinem Platz in der Welt, Deinem Willen zu Selbstverwirklichung und Deinem Wunsch, einen Ort zu finden, der Dir zu leben erlaubt. […] Was Dir der Predigerorden anbieten kann, wenn er seiner Berufung treu ist? Zu allererst eine Gemeinschaft von Brüdern, die auf das Wort Gottes und die Verheißung seines Reiches hört, und die ebenso aufmerksam ihren Mitmenschen zuhört, die auf der Suche sind nach diesem Reich. Dieses Horchen geschieht im Gebet, in der Begegnung und dem Gespräch mit den Menschen, im Nachdenken und im Studium. […] Einen schwierigen, aber begeisternden Auftrag: Deinerseits sollst Du durch […] Existenz […] glaubhaft das Evangelium verkünden. Ein recht unbequemes Leben! Das stimmt. Aber Du bist nicht allein dabei. Du lebst in einer Gemeinschaft, die mit Dir betet, sucht, nachdenkt, kämpft und teilt. […] Es braucht ein ganzes Leben, um diese Existenz zu erlernen; ein ganzes Leben, um Dominikaner zu werden und noch mehr.“                           

Kontemplation (inmitten) der Welt

Was nur wenige wissen: Ich gehöre dieser Gemeinschaft auch selbst als Laienmitglied („Dritter Orden”) an. Begonnen hatte alles damit, dass ich noch während meines Theologiestudiums irgendwann einmal entdeckte, dass viele der Gottes:denkerinnen, deren Theologie mich nachhaltig faszinierte, das Kürzel OP („Ordo praedicatorum”) hinter dem Namen trugen: M.-Dominique Chenu, Edward Schillebeeckx, Gustavo Gutiérrez. Nach dem Studium war es dann keine Frage, dass ich nach Berlin ging, um im damals noch wilden (und nicht nur teuren) Osten der Stadt ein theologisches Start-up-Unternehmen (= Institut M.-Dominique Chenu) mit aufzubauen. Die explorative Leitfrage war: Was geschieht mit der Theologie, wenn man sie auf säkularem Boden betreibt?

Dort habe ich dann auch zum Jahreswechsel 2002/2003 meinen Eintritt in den dritten Orden gefeiert – und noch immer prägt dominikanische Spiritualität meine Theologie: nach innen demokratisch verfasst, nach außen entdeckerisch unterwegs. Apostolisch, nicht monastisch. Zuhause in urbanen Konventen („Stadtluft macht frei”), nicht in ländlichen Klöstern. Dominikaner:innen sind im armutsbewegten Bibelfrühling („Bettelorden”) des Mittelalters geborene „Menschen des 13. Jahrhunderts” (Yves Congar). Predigt verstehen sie als ein ganzheitliches Zeugnis des Lebens. Verweben die großen Erzählungen des Glaubens mit den kleinen Geschichten des Lebens. Und die geistliche Basis von allem: Kontemplation inmitten einer sich wandelnden Welt. Daher werden Dominikaner:innen auch immer dann besonders „wach, aufmerksam und evangelisch, wenn in der Welt etwas auf der Kippe und vor dem Bersten steht und sich neue Zeichen von Hoffnung und Freiheit am Horizont“ (Edward Schillebeeckx) zeigen.

Kirchenreform ist (Selbst-)Evangelisierung

Mission heißt, dass die Kirche nicht bei sich selbst bleibt, sondern „aus sich herausgeht” (M.-Dominique Chenu). Denn eine jesusbewegte Kirche ist nicht nur drinnen daheim („Kirche ad intra”), sondern auch draußen zuhause („Kirche ad extra”). In jedem Fall kann man dem eigenen Reformbedarf nicht ausweichen, indem man alles an die Missionsfront wirft („Viel wichtiger als binnenkirchliche Nabelschau ist die Neuevangelisierung… “). Darauf kann man missionstheologisch eigentlich nur antworten: Strukturfragen reflektieren Glaubensinhalte – oder sie sind nicht evangeliumsgemäß. Und es ist die Pflicht dominikanischer ‚Hirtenhunde’ („canes domini”), immer wieder darauf hinzuweisen: „Non oportet canes tacere ubi pastores dormiunt“, so der legendäre Zwischenruf eines spanischen Dominikaners auf dem Konzil von Trient: Wo die Hirten schlafen, dürfen die Hunde nicht schweigen.

Das größte Missionshindernis überhaupt ist eine Kirche, deren äußere Gestalt ein Zeugnis wider das Evangelium darstellt. Wer nach außen geht, wird dort mit den (klerikalistischen, identitären und autoritären) Pathologien des eigenen Innen konfrontiert. Mission heißt daher immer auch: Umkehr zum Evangelium von der anbrechenden Gottes- und nicht Klerusherrschaft. Denn: Kirchenreform ist Evangelisierung. Und: Evangelisierung ist Kirchenreform. Selbstbekehrung der Kirche (Paul VI./Franziskus: Evangelisierung) statt Fremdbekehrung der Gesellschaft (Johannes Paul II./Benedikt: Neuevangelisierung). Mission ist ein Prozess wechselseitiger Evangelisierung – d.h. einer Selbstentfaltung des Evangeliums, die alle Beteiligten in die heilende und befreiende Dynamik der Gottesherrschaft hineinzieht. Ganz so, wie es mein Würzburger Lehrer Rolf Zerfaß in seiner unnachahmlichen Art sagte:

„Evangelisiert werden immer beide oder niemand: die Welt und die Kirche, die Hörer und die Prediger, die Kranken und die Gesunden, die Laien und die Bischöfe, die Zweifelnden und die Glaubenden. Denn alle sind im Glauben Anfänger, alle haben die Umkehr noch vor sich.“

Spuren Gottes im Leben der Anderen

Mission ist alteritäre Selbstüberschreitung, nicht identitäre Selbstbestätigung. Das fremde Außen ist konstitutiv für das eigene Innen. Sie ist nicht wichtig, weil die anderen uns brauchen (das tun sie in der Regel nicht), sondern wir die anderen: ihre anderen Geschichten von Leben und daher auch ihre anderen Geschichten von Gott. Denn (so unser Trauspruch): „Menschen sind die Worte, mit denen Gott seine Geschichten erzählt“ (Edward Schillebeeckx). Die ‚Anderen‘ sind nämlich nicht einfach nur Suchende und Fragende, sondern auch Findende und Antwortende – nur eben anderswo. Michel de Certeau: „Mission heißt sagen: Du fehlst mir”.

Wer missionarisch aus sich herausgeht, macht sich auf die Spuren Gottes im Leben der Anderen. Er oder sie kann dabei die beglückende Erfahrung machen: auch fremder Boden trägt. Das ist elementar wichtig. Denn eine entsprechend alteritär entgrenzte Kirche des Evangeliums hat eine paradoxale Identität: „Indem sie die Welt sucht, findet sie sich selbst“ (M.-Dominique Chenu) – und ihren eigenen Gott. Mission ist daher explorative Selbstentgrenzung, nicht koloniale Grenzverschiebung. Keine Erweiterung des kirchlichen Territoriums, sondern eine Entdeckung des je größeren Gottes im Außen kirchlicher Selbstabgrenzungen:

„Die Zeit versorgt die Kirche mit […] Zeichen der Kohärenz des Evangeliums mit der Hoffnung der Menschen. Mögen […] die Christen […] unter dem Schock des geschichtlichen Ereignisses […] Gottes Zeichen der Zeit wahrnehmen, die er in die profane Realität einschreibt. Sie werden […] die glückliche Überraschung erleben […], dass man die Gnade in ihrem Wirken unter den Nichtchristen antreffen kann. Denn die Aktualität des Evangeliums erweist sich an den Problemen der Menschen.“ (M.-Dominique Chenu)

Exemplarischer Konflikt

Ein für diesen explorativ-weltoffenen Missionsbegriff signifikanter Kirchenkonflikt, an dem in ‚vorderster Front‘ auch der Dominikaner Chenu beteiligt war, ist vor fast auf den Tag genau siebzig Jahren eskaliert: der Konflikt um die ersten französischen Arbeiterpriester, zu denen auch viele Dominikaner gehörten. Diese waren nach dem Zweiten Weltkrieg in die Autofabriken, Hafenviertel und Kohleminen ihres Landes gegangen, um dort als „Priester im Blaumann” (Nathalie Viet-Depaule) schlicht und einfach das Evangelium zu leben (im Bild der junge Dominikaner Albert Bouche, der in einer Renault-Fabrik in den Vorstädten von Paris arbeitete).

Zunächst waren sie mit einem sehr klassischen Missionsbegriff losgezogen, um als ‚Fallschirmspringer Gottes’ das kirchenfremde Arbeitermilieu von innen heraus zu bekehren. Aber weil sie sich wirklich auf dessen Leben einließen, haben sie dann zwar nicht die Arbeiter zur Kirche, dafür aber die Kirche zum Evangelium bekehrt. Von daher auch ihre Maxime: Rede nur dann von deinem Glauben, wenn du gefragt wirst – aber lebe so, dass man dich fragt. Denn das Evangelium, das sie den Arbeitern bringen wollten, haben sie unter diesen überhaupt erst verstanden. Es ist wie im Bild: Mission heißt nicht nur das eigene Feuer weitergeben, sondern auch, sich von anderen entzünden lassen – und das kann im Zweifel dann auch ein kommunistischer Arbeitskamerad sein…

Kirchenkrimi mit ‚Happy end’

Theologischer Kopf der Arbeiterpriester war M.-Dominique Chenu. Sein Artikel Le sacerdoce des prêtres-ouvriers (1954) brachte das Fass römischer Geduld zum Überlaufen. In Rom dachte man, die „Seele des Widerstandes” der Arbeiterpriester sei dominikanisch. Man drohte, die demokratische Verfassung des Ordens zu zerschlagen und einen neuen Ordensmeister einzusetzen. Man handelte umgehend: alle französischen Provinziale wurden abgesetzt und Theologen wie Chenu oder Yves Congar von ihren Lehrstühlen entfernt. Und gesamtkirchlich wurden alle französischen Arbeiterpriester ultimativ aufgefordert, zum 1. März 1954 ihre Arbeitsstelle zu verlassen und in die Pfarrseelsorge zurückzukehren. Nach dem erzwungenen Ende der Arbeiterpriester kommentierte François Mauriac: Wer die Dominikaner angreift, könnte „genauso gut eine unserer Kathedralen in die Luft sprengen”.

Die Moral von der Geschicht’? Wer aus sich herausgeht und draußen zuhause ist, wird schnell drinnen fremd – aber nur so kann die Kirche etwas lernen. Dieser dominikanische Kirchenkrimi hatte ein ‚Happy end’: 1965 rehabilitiert das Zweite Vatikanische Konzil die Arbeiterpriester. Eine feine Ironie der Geschichte ist, dass die Abkürzung des entsprechenden Dekretes (= PO für Presbyterorum ordinis) auch die Kurzform des französischen Namens der Arbeiterpriester (= P.-O. für ‚prêtres-ouvrièrs‘) darstellt – und dass dabei auch das Ordenskürzel OP mit im Spiel war. Mit diesem konziliaren Paradigmenwechsel wurde das katholische Priesteramt Chenu zufolge wieder vom Kopf („Spendung der Sakramente“) auf die Füße („Zeugnis für das Wort Gottes“) gestellt:

„Das vorkonziliare Schema wurde […] umgedreht. An die erste Stelle setzte […] man das Zeugnis für das Evangelium, […] in dem sich dann auch die sakramentale […] Ordnung der Dinge artikuliert […]. So stellte man ein Gleichgewicht wieder her, das Jahrhunderte hindurch kompromittiert worden ist.“

Auf den Spuren des Hl. Dominikus

Ich weiß, dass diese Sicht der Dinge nicht von allen Dominikaner:innen geteilt wird. Und auch nicht von allen anderen Christ:innen. Aber es ist – als zeitgenössischer Mensch, Christ und Theologe – nun einmal mein Weg der „Nachfolge Jesu auf den Spuren des Hl. Dominikus” (Frei Betto). Denn: „Dominikus nachzufolgen ist eine bestimmte Form, Jesus nachzufolgen“ (Felicísimo Martínez Díez). Dominikus hat einen eigenen jesuanischen Nachfolgepfad eröffnet, der in der Geschichte des Ordens zwar immer wieder verraten (Stichwort: Inquisition), zugleich aber auch immer wieder neu belebt wurde. Mein (spätmodern theorietaugliches) Lieblingsbild des Hl. Dominikus im südfranzösischen Vence stammt von Henri Matisse, einem tiefgläubigen Atheisten. Es zeigt einen ‚Dominikus ohne Gesicht’: Dominikaner:innen neigen mit Blick auf ihren Gründer nicht zu übertriebenem Personenkult – und was aus seinem Orden wird, das liegt nicht zuletzt auch an dem Gesicht, das sie ihm in der Welt von heute geben…

Für alle entsprechenden Versuche dominikanischer Nachfolge Jesu gilt: „Zeugnis des Lebens” vor dem „Zeugnis der Worte” (Franz von Assisi: „Predige das Evangelium – wenn es sein muss auch mit Worten“). Dominikaner:innen (und nicht nur diese) sind gerufen, den genial einfachen Satz des (in dieser Hinsicht von dem Dominikaner Tiemo Rainer Peters inspirierten) Münsteraner Theologen Johann B. Metz in „grenzgängerischer Manier“ (Ulrich Engel) zu leben: „Nachfolge genügt“. Denn es geht im Christentum vor allem anderen um reichgottesfroh gelebte Zeitgenossenschaft: Nachfolge Jesu auf den Straßen der eigenen Gegenwart. Dominikus wollte schlicht und einfach das Evangelium leben: „sine glossa“, d. h. ohne Fußnoten, Sicherheitsnetz und Hintertürchen. Dabei ist dann auch die ‚Fremdprophetie’ eines Outdoor-Unternehmens zu beherzigen, das mit dem schönen Claim „Draußen zuhause“ für sich wirbt:

„Du musst nicht viel mitnehmen – aber das Richtige.“

Bildquellen: Prixabay, Jürgen Kaufmann, Archives-Chenu/Paris, Zeitschrift Wort und Antwort.