Jürgen Habermas

Ausgerechnet am Todestag von Jürgen Habermas war ich in „Hamlet“ (auch wenn ich nicht so der Hochkulturtyp bin). Das ganz große Welttheater – auf und vor der Wiener Theaterbühne. Oder: Von der „Bühne als Welt“ (Shakespeare) zur Welt als Bühne (Goffman). Zeichen der Gegenwart, gedeutet in Licht eines politischen Realismus, welcher der kommunikativen Vernunft des Habermas’schen Diskursbegriffs diametral entgegensteht: Die Zeit ist aus den Fugen. Keine Sieger, nur Besiegte. Und am Ende: Schweigen.

Vor diesem Hintergrund kann den meisten Nachrufen auf Jürgen Habermas zustimmen. Theologisch ist gerade seine Unterscheidung von instrumentellem und kommunikativem Handeln weiterführend. Schon mein Würzburger Lehrer Rolf Zerfaß, der Teil eines legendären Münsteraner Habermas-Lesekreises war, sprach 1972 in seiner Antrittsvorlesung davon: Subjekt-Subjekt-Relationen emanzipativer Lebenswelt entsprechen dem Evangelium besser als Subjekt-Objekt-Relationen kolonisatorischer Systemwelt.

Als intersubjektiv-kritisches Emanzipationsprojekt hat christliche Rede von Gott jedoch mehr zu bieten als jene klassischen „Jenseitshoffnungen und Erlösungsvorstellungen“, die Habermas 2025 anmahnte – eine Forderung, die von seiner Außenposition eines „religiös Unmusikalischen“ her nachvollziehbar, theologisch aber merkwürdig unterkomplex wirkt. Eine diesbezüglich zurückhaltende Theologie wäre aus meiner Sicht keine „Verflachung der christlichen Glaubensgehalte“, sondern deren spätmoderne Vertiefung.

Ich habe den politischen Einsatz von Jürgen Habermas stets bewundert: ein unbeirrbar aufklärerisches Denken, das sich als öffentlicher Vernunftgebrauch selbst immer wieder in aktuelle Streitfragen investierte. Das führte zu Beginn der Nullerjahre dann sogar zum gemeinsamen Einsatz mit philosophischen Gegnern wie Jacques Derrida für eine „Wiedergeburt Europas“ in einer taumelnden Welt. ABER: Diese Welt ist kein akademisches Oberseminar eines (auch dort übrigens nur sehr begrenzten) herrschaftsfreien Diskurses.

Daher tendiere ich in dem idealtypischen Streit, den Jürgen Habermas und Michel Foucault um das Erbe der Aufklärung austrugen, auch immer eher zu letzterem:

„Die Vorstellung, dass es einen Zustand der Kommunikation gibt, in welchem die Spiele der Wahrheit ohne […] Zwangseffekte zirkulieren können, scheint mir der Ordnung der Utopie anzugehören. […] Ich glaube, dass es keine Gesellschaft ohne Beziehungen der Macht geben kann […]. Das Problem ist […] nicht der Versuch, diese in der Utopie einer vollkommen transparenten Kommunikation aufzulösen, sondern sich […] ein Ethos zu geben, eine Praxis des Selbst, die innerhalb der Spiele der Macht mit einem möglichst geringen Aufwand an Herrschaft zu spielen erlauben.“

Mit der vernunftresistenten Diskursverweigerung ihrer kaltschnäuzigen Machtpolitik demonstrieren Putin, Trump & Co in geradezu tödlicher Wucht die weltpolitischen Grenzen der bürgerlich-liberalen Habermas-Galaxis – kurz gesagt: Habermas ist wünschenswert, aber Foucault reicht weiter. Und doch gibt es keine Alternative zum existenziellen Einsatz für das unvollendete Projekt der Moderne.

Wir müssen uns Sisyphos als einen glücklichen Menschen vorstellen?

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