Die meisten Liebesgeschichten, die am Traualtar enden, haben anderswo begonnen.
Bei der, die wir heute feiern, war es ein badischer Feldweg – auch wenn das erste Date dort im wahrsten Sinn des Wortes ‚ins Wasser‘ gefallen ist: Es hat zwar stattgefunden, endete aber mit einem handfesten Platzregen.
Begonnen hatte alles mit einem Spaziergang auf der Gassi-Strecke eines Freundes.
Entweder-oder-Fragen zum ersten Kennenlernen. Und dann das Malheur: ein Platzregen und weit und breit nichts zum Unterstellen. Aber nicht einmal das konnte Eure Liebe aufhalten: der erste Kuss.
Zueinanderfinden an der ultimativen Kitschgrenze.
Der durchgeweichte Fragenzettel und die GPS-Koordinaten dieses Ortes finden sich heute –hinter Glas und ordentlich gerahmt – im persönlichen Reliquienschrein Eurer gemeinsamen Wohnung.
Alltagsabenteuer: Unterschiede und Gemeinsames
Damit sind wir nun auch schon bei Eurem heutigen Alltag: Ihr lebt genau das Wechselspiel von Eigenheiten und Gleichklang, welches das tägliche Abenteuer jeder Paarbeziehung so spannend macht.
Ihr habt genügend Gemeinsamkeiten – z. B. Euren ausgeprägten Ordnungssinn und die Freude am gemeinsamen Putzen –, mit denen Ihr Euch schon einmal 80% aller alltäglichen Paarkonflikte erspart.
Und dann seid Ihr aber auch unterschiedlich genug, sodass das Ganze dennoch im Wortsinn ‚spannend‘ bleibt:
- Hier die zauberhafte Zahlenfrau mit ästhetischem Gestaltungsdrang, die als Musik- und Mathematiklehrerin arbeitet
- dort der sportliche Romantiker mit pädagogischen Vorbildidealen, der Religions- und Geografielehrer ist.
Genauer:
- Hier die hochmusikalische, aber ziemlich unsportliche Hornspielerin, die zuvor noch kein Gym von Innen gesehen hat,
- dort der durchtrainierte, aber ziemlich unmusikalische Fitnessnerd, der lange ein Horn nicht von einer Klarinette unterscheiden konnte.
Oder auch:
- Hier die perfekt organisierte To-do-Listen-Liebhaberin, die mit mathematischer Präzision jeden Raum in ein rosarotes Blütenparadies verwandelt,
- und dort der sensible Kreative, der sich vom Hauptschüler zum Stipendiaten akademischer Eliteförderung hochgearbeitet hat.
Genau das bewundert Ihr auch aneinander:
- das Organisationstalent von Carolin,
- und die Alltagsdisziplin von Lukas.
Also: Ihr seid ähnlich genug, dass es im Alltag funktioniert, und zugleich verschieden genug, dass dieser lebendig bleibt. Das sind schon einmal gute Voraussetzungen für eine gelingende Ehe.
Aber was ist das eigentlich: eine gelingende Ehe? Oder genauer gefragt – Ihr seid ja eine ehemalige Ministrantin und Kirchenchorsängerin bzw. ein promovierter Theologe und Religionslehrer:
Eine christliche Ehe – was ist das?
Herr der Ringe: Kein Ring, sie zu knechten
Jetzt musst Du, liebe Carolin, für ein paar Momente leider sehr tapfer sein.
Denn es geht bei meinem folgenden Antwortversuch nun erst einmal um den Herrn der Ringe, den auch Papst Leo vor kurzem in seinem ersten großen Lehrschreiben zitierte und dessen Geschichte die meisten von Euch als Buch oder Film kennen.
Ein Teil Eurer Beziehungsdynamik ist ja, dass nicht nur Lukas erst einmal in Sachen musikalischer Hochkultur alphabetisiert werden musste, sondern auch Carolin in Sachen epischer Popkultur: Harry Potter, Star Wars und eben Herr der Ringe.
Der Herr-der-Ringe-Ort Bruchtal, die Heimat des Menschenkönigs Aragorn, klingt ja schon einmal verdächtig nach Lukas‘ Heimat Bruchsal… Und mehr noch:
Die Ehe – auch eine christliche – ist kein sanftes Auenland, sie ist aber auch nicht das finstere Land Mordor. Sondern immer irgendetwas dazwischen: Alltagswelt. Menschenland. Mittelerde – mit Höhen und mit Tiefen.
Daher nun: Der Herr der Ringe.
Für alle, die diese Geschichte nicht mögen: In den nächsten zwei Minuten einfach weghören und erst danach wieder einsteigen. Es lohnt sich aber auch dabeizubleiben – denn: Auch heute geht es um Ringe – nur eben um ganz andere als im Herrn der Ringe.
Eine christliche Ehe lebt nämlich nicht wie in Tolkiens Erzählung von den Ringen der Macht, sondern von der Macht der Ringe – das Sakrament der Ehe kehrt nämlich die bekannten Machtverse von Tolkiens Ringe-Epos in heilsam befreiender Weise um. Dort heißt es:
Ein Ring, sie zu knechten, sie alle zu finden,
ins Dunkel zu treiben und ewig zu binden
Bekannte Zeilen, die Ihr vermutlich alle schon einmal gehört habt. Sie helfen zu verstehen, was es bedeutet, wenn sich zwei Menschen trauen, sich zu trauen.
Gehen wir daher dieses Gedicht über die Macht der Ringe der Macht einmal kurz durch – zunächst:
Ein Ring, sie zu knechten, sie alle zu finden,
In einer christlichen Ehe geht es nicht darum, einander zu knechten – sondern darum, wie es in einer altertümlichen Wendung heißt, einander zu ‚freien‘: Umeinander zu werben, einander aus Liebe in das jeweils Eigene hinein freizusetzen.
Denn das Finden des oder der anderen soll eben nicht knechten, sondern ihm oder ihr dazu verhelfen, zu sich und dann auch zueinander zu finden. Man verliert sich nämlich nicht in der Liebe, vielmehr findet man sich darin.
Hier kommt nun der zweite Teil des Gedichts ins Spiel:
Ins Dunkel zu treiben und ewig zu binden
Christliche Ehe soll nicht in Finsternis, sondern ins Licht führen. Und dieses besteht nicht wie beim Herrn der Ringe in einer erzwungenen Bindung anderer, sondern in einer freiwilligen Bindung seiner selbst.
Das ist der romantische Teil: Ihr bindet Euch aneinander. Nicht für die nächste Woche, nicht für dem nächsten Lebensabschnitt, sondern auf ewig.
Mit Blick auf die Ringe, die Ihr nun gleich miteinander tauscht, schlage ich daher eine ins Christliche gewendete Variante von Tolkiens Ringegedicht vor.
Nicht:
Ein Ring, sie zu knechten, sie alle zu finden,
ins Dunkel zu treiben und ewig zu binden
Sondern:
Ein Ring, sie zu freien, sich selber zu finden,
ins Helle zu treten und ewig zu binden
Trauspruch: Freundschaft, nicht Knechtschaft
Hier kommt nun abschließend Euer Trauspruch ins Spiel – und damit auch jene beiden Bibeltexte, die Ihr für Eure Trauung ausgesucht habt: „Die Liebe hört niemals auf.“ (1 Kor 13, 8).
Dieser Satz aus der ersten Lesung passt ganz wunderbar zu dem Evangelium, das Ihr für Eure Hochzeit gewählt habt. Darin sind die Abschiedsworte Jesu an seine Freunde zu hören: Worte einer Liebe, die in den Tod hinein standhält und die über den Tod hinaus bleibt.
Gesprochen sind sie an einem dramatischen Zeitpunkt des Lebens Jesu: am Abend vor seinem Tod. So wie auch Ihr zu einem dramatischen Zeitpunkt heiratet: Klimakatastrophe, Kriegsgewalt, Armutsmigration und Demokratiegefährdung verdüstern heute den Horizont.
So war es bereits beim Herrn der Ringe, der vor dem Hintergrund von Faschismus, Weltkrieg und Kaltem Krieg veröffentlicht wurde. Und doch gilt dabei immer auch, was der Hobbit Sam sagt: „Es gibt etwas Gutes in dieser Welt, Mr. Frodo, und dafür lohnt es sich zu kämpfen.“
Genau das ist auch der Weltauftrag einer christlichen Ehe. Er ist nicht einfach, aber er ist sehr erfüllend – und er fordert das Beste unserer Liebe.
„Die Liebe hält allem stand“ (1 Kor 13, 7) hieß es ja auch gerade in der Lesung. „Treulos ist, wer Lebewohl sagt, wenn die Straße dunkel wird“ heißt es im Herrn der Ringe.
Und genau so war es auch bei Jesus.
Als seine Lebensstraße sich verfinsterte, verabschiedete er sich mit Worten liebevoller Freundschaft, nicht unterwerfender Knechtschaft wie im Herrn der Ringe:
„Das ist mein Gebot, dass ihr einander liebt, so wie ich euch geliebt habe.
Ihr seid meine Freunde, wenn ihr tut, was ich euch auftrage. Ich nenne euch nicht mehr Knechte, denn ein Knecht weiß nicht, was sein Herr tut.“ (Joh 15,12-13).
Und weiter: „Es gibt keine größere Liebe, als wenn einer sein Leben hingibt für seine Freunde.“ (Joh 15,13)
In den Horizont dieser größeren Liebe Jesu stellt Ihr Euch und Eure Ehe heute. Denn die christlichen Sakramente sind Zeichen dieser größtmöglichen Liebe. Sie wecken das Beste in uns und sie stärken es.
Und genau das wünsche ich Euch. Ich wünsche Euch alles Glück dieser Erde – vor allem aber:
Nicht dass alles einfach wird in Eurer Ehe, sondern dass ihr alle Herausforderungen meistert und bei allem immer wisst:
Ihr seid nicht allein.
In guten wie in schlechten Tagen.
So soll es sein und bleiben.
Amen – ja: Amen!
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