Gefährliche Befreiungstheologie

Liest man Texte aus dem vorrevolutionären Iran (z. B. von Ali Schariati), so erinnern diese auf faszinierende Weise an Beiträge der lateinamerikanischen Theologie der Befreiung. Beide versuchten, den eigenen Glauben in einer historischen Unterdrückungsituation (hier das Regime des Schahs, dort die rechtsextremen Militärjuntas) als eine Quelle des politischen Widerstands zu erschliessen.

Auch Michel Foucault interessierte sich Ende der 1970er Jahre dafür, dass hier mit Christentum und Islam zwei große Weltreligionen wieder „Figuren der Spiritualität auf den Boden des Politischen“ zeichneten. Er besuchte bereits 1978 als philosophischer Reporter für den Corriere della Sera („Reportages d’idées“) den Iran und sah dort die „blinkenden Leuchtfeuer vor den Nächten des Moharram“:

„Man muss bei der Geburt der Ideen und der Explosion ihrer Gewalt dabei sein. Und zwar nicht in den Büchern, […] sondern in den Ereignissen selbst, in denen sie ihre Kraft zeigen […].“

Zugleich sollte Foucault angesichts dieser messianischen Repolitisierung von Religion aber auch mit Blick auf die totalitären Folgen dieser Islamischen Revolution im schiitisch geprägten mit seiner in einem anderen historischen Kontext geäußerten Warnung recht behalten:

„Die [politische] Befreiung eröffnet ein Feld für neue Machtverhältnisse, das dann von Praktiken der Freiheit kontrolliert werden muss.“

Tragisch: 1989 hätte es mit Hossein Ali Montazeri eine vergleichsweise liberale Alternative zu Ali Chamenei als Nachfolger des Revolutionsführers Chomeini gegeben…