Die BÄCKEREI

Theologie am Andersort – so heißt mein Youtube-Kanal. Und der erste dort veröffentlichte Kurzfilm Explorative Theologie – auf Erkundung in der Gesellschaft (die PR-Abteilung der Universität Innsbruck wollte mit mir ‚was Theologisches‘ machen) wurde in der BÄCKEREI gedreht. Klarer Fall, wo denn auch sonst? Die Innsbrucker Kulturbäckerei ist nämlich einer der besten Orte der Stadt. Daher habe ich mir die BÄCKEREI auch nicht nur als Schauplatz meines ersten Videos ausgesucht, hier wurde auch das Foto auf der Startseite dieses Blogs aufgenommen. Und ein Bild aus der Umbauphase der BÄCKEREI ist auch das Titelfoto meines Facebook-Accounts.

Die Innsbrucker BÄCKEREI ist eine urbane „Heterotopie“ (Michel Foucault) in der sorgsam aufgestylten Alpenkulisse von Tirol – ein gesellschaftlicher Andersort. Sie ist struppig, rau und irgendwie unfertig. Eine alte K.u.K-Militärbäckerei, die ein paar junge Leute mit wenig Geld, aber vielen guten Ideen vor einigen Jahren zu einem inspirierenden Ort gemacht haben. Denn das Leben feiern kann man überall. Auch auf Second-Hand-Möbeln und in Räumen mit recycelten Fenstern und unverputzten Wänden. Es ist wie in der Theologie: Überkommenes nicht einfach abreißen, sondern kreativ umdeuten, umbauen, umnutzen – und so neu erfinden. Shabby Chic: arm aber sexy.

Andere Räume

Entdeckt habe ich die BÄCKEREI auf einer unserer ersten Stadterkundungen, gleich nach dem Umzug nach Innsbruck im August 2012 – und ich dachte sofort: Das ist hier ja wie in Berlin. In dessen ‚wildem Osten’ hatte ich zu Beginn der Nullerjahre gewohnt. Wirklich kennengelernt habe ich die BÄCKEREI dann aber erst durch meine Frau, die als damalige Bildungsreferentin im „Haus der Begegnung“ hier zusammen mit anderen Akteur:innen der Zivilgesellschaft im Jahr 2014 den Verein „Transition Tirol” gegründet hat. Die BÄCKEREI ist für mich seitdem nicht nur ‚ein Stück Berlin’ in Innsbruck, sondern auch ein Ort nachhaltiger theologischer Inspiration.

Hierher hat der Innsbrucker Fachbereich Pastoraltheologie dann auch eingeladen, als wir im März 2015 turnusgemäß Gastgeber:innen für die „Konferenz der Österreichischen Pastoraltheolog:innen” (inklusive des Vorstands der „Österreichischen Pastoralkommission”) waren. Ich werde nie vergessen, wie der Leiter des gesamtösterreichischen Pastoralinstituts hier in der BÄCKEREI auf einem schäbigen alten, abgewetzten Sofa saß und wir alle – grandios vorgetragen von einer Schauspielerin des Tiroler Landestheaters – Foucaults berühmten Heterotopie-Text über die „Anderen Räume” („Des autres espaces”) gehört haben.

Vom Anderswo zum Anderswie

Hier habe ich nicht nur meinen ersten Kurzfilm gedreht, sondern auch die Auf-ein-Bier-mit Gespräche mit Hermann Glettler, Paulina Pieper und Hadwig Müller. Außerdem haben hier meine Doktorand:innen und Habilitand:innen mit Hans-Joachim Sander dessen „Topologische Dogmatik“ diskutiert. Und hier hat auch eine Forschungsgruppe des Seminars „Orte sozialer Innovation” (2018) gearbeitet, das zusammen mit dem Architekten Walter Klasz angeboten hatte. Eine weitere, mit Christoph und Flo von der BÄCKEREI entwickelte Seminaridee („Verlebendigung urbaner Nicht-Orte“) ist jedoch leider an der Coronapandemie gescheitert. Zuvor hatten wir hier aber noch mit Stuttgarter Architekt:innen ein Werkstattgespräch („St. Maria als… trifft die Bäckerei”) abhalten können.

Es war keine Frage, dass ich hier dann auch am 7. März 2023 meine Innsbrucker Abschiedsvorlesung „Andere Orte, Orte des Anderen“ (Bilder unten) gehalten habe. In den programmatischen Begrüßungsworten ging es um die diskursiv anstehende Überschreitung einer Theologie des Anderswo (Michel Foucault: „Heterotopien“) in Richtung einer Theologie des Anderswie (Christian Kern: „Heteromorphien“) – denn es bringt ja reichlich wenig, wenn man am neuen Ort dann doch wieder nur ‚den alten Stiefel‘ macht. Daher braucht es nicht nur eine andersortige, sondern auch eine andersartige Theologie christlicher Zeitgenossenschaft: vom WO zum WIE. Pastoral der Andersorte hieße dann nicht, dass es einfach nur um andere Orte geht (für wen eigentlich?), sondern um Orte des Anderen – also um Orte, an denen es anders als anderswo zugeht. Insofern gibt es keinen fundamentalen Unterschied zwischen Heterotopien („Andersorten“) und Heteromorphien („Andersweisen“): Heterotopien sind heteromorphe Orte.

Möglichkeitssinn

Einzulösen versucht habe ich diesen Anspruch dann in der eigentlichen Abschiedsvorlesung: einem Dialog mit dem Snowboardprofi Elias Elhardt über seinen Film „Invisible Ground“. Elias habe ich übrigens auch in der BÄCKEREI kennengelernt – nach einem Vortrag zum Thema „Heterotopien einer anderen Zukunft?“, den ich 2014 im Philosophischen Café gehalten habe. An der Bar waren wir mit einem Tiroler Edelholzhändler ins Gespräch gekommen, der nicht verstehen wollte, dass es kein Leben ohne Ambivalenzen gibt. Seither sind wir befreundet.

Für mich ist die BÄCKEREI ein entsprechend performativer Andersort – voll sozialer Phantasie und mit kulturellem Sexappeal. Ein vibrierend schöpferischer Ort des Anderen. Ein gesellschaftlich inspirierender Ort sich wechselseitig intensivierender Freiheiten, der nicht nur unseren politischen Möglichkeitssinn beflügelt. Und daher auch der Ort eines neuen theologischen Existenzialismus – einer gemeinsamen Suche nach dem kleinen Glück in dieser Zeit, das zugleich ein möglichst gutes Leben für möglichst viele bedeutet.

Theologie am Andersort.