Bericht aus Rom (Teil 1)

Papst Leo hat mich zu einem von knapp 20 theologischen Expert:innen der Weltversammlung der Bischofskonferenz-Vorsitzenden (7.-14. Oktober 2026 in Rom) zum 10. Jahrestag des Lehrschreibens AMORIS LAETITIA berufen – als einzigen Vertreter der im Vatikan nicht selten kritisch beäugten deutschsprachigen Theologie. Für mich ergibt sich daraus ein nicht nur theologisch, sondern auch ethnografisch faszinierendes Projekt „teilnehmender Beobachtung“: engagierte Mitarbeit an der Tiefengrammatik pastoraler Zeitgenossenschaft („Teilnehmende…“) und zugleich explorative Feldforschung hinter den Kulissen kirchlicher Organisationstruktur („… Beobachtung“).

Die Versammlung ist aus meiner Sicht aus mindestens zwei Gründen theologisch höchst bemerkenswert:

  • Zum einen, weil Joseph Ratzinger/Papst Benedikt die Bischofskonferenzen und ihre demokratisch gewählten Vorsitzenden stets als eine dogmatisch bedeutungslose Größe betrachtete – und Papst Leo sie nun aber zu einem neuen, hochrangigen Beratungsorgan für eine eminent wichtige Frage macht.
  • Und zum anderen, weil es in AMORIS LAETITIA implizit auch um Fragen kirchenamtlicher Lehrentwicklung geht: Welche dogmatische Autorität haben pastorale Erfahrungen? Nicht umsonst war dieses päpstliche Schreiben 2016 auch der Anlass der sogenannten ‚Dubia‘ einiger äußerst konservativer Kardinäle…

Ankunft in Rom

Wie ich es mir für jeden Rombesuch vorgenommen hatte, besuche ich als erstes das Grab von Papst Franziskus. Vom Bahnhof gleich direttissima nach Santa Maria Maggiore. Nach den bleiernen Jahren unter seinen beiden Vorgängern verdanke ich ihm ein ganz neues, ungleich freieres Kirchengefühl (auch wenn noch längst nicht alles gut ist).

Dank super netter Polizisten durfte ich noch kurz nach Schließung der Kirche schnell hineinschlüpfen („Solo per due minuti“). Entsprechend kurze Bitte um Segen für die morgen beginnende Bischofsversammlung – in der Hoffnung, dass das von Franziskus darin gegen immense Widerstände Angestoßene in den nächsten sieben Tagen in der Kraft des Geistes mutig und kreativ fortgeschrieben wird: Santo Padre Francesco, prega per noi!

Auf dem Weg zu meiner Unterkunft im Gästehaus der Jesuitenkurie am Borgo Santo Spirito musste ich dann immer wieder an M.-Dominique Chenu denken, dessen Konzilsschriften ich nun schon seit einigen Wochen unter Hochdruck zur Publikation vorbereite (inkl. einer ausführlichen Einleitung für die nächste Theolog:innen-Generation).

Als persona non grata der Pius-Päpste-Ära war dieser noch auf dem Konzil gezwungen, weitgehend hinter den Kulissen zu agieren. In vielen Konflikten von damals stecken wir noch immer fest. Und doch bin ich mit Blick auf die Bischofsversammlung der nächsten Tage vorsichtig optimistisch. In einem seiner großen Konzilsvorträge („Les signes des temps“) hat Chenu eigentlich bereits alles dafür Wesentliche gesagt: „Das Evangelium erweist seine Aktualität an den Problemen der Menschen.“

Beginn des ersten Tages

Der erste Tag hat schon gleich einmal sehr interessant begonnen: Frühstück mit einem anglophonen Bischof aus der Karibik und einem frankophonen Jesuiten aus dem Kongo. Dann ein kurzes Training in dem Gym, in dem Papst Leo vor seiner Wahl hier trainierte – die Smartwatch an seinem Handgelenk war unmittelbar nach seiner Wahl nicht nur mir aufgefallen). Man kann ja nicht immer nur irgendwo herumsitzen und sprechen… Außerdem braucht es ‚heterotope‘ Gegenwelten, um in der römischen Ekklesiosphäre gesund zu bleiben.

Das ging wohl auch Kardinal Prevost so. Denn er kam, wie mir sein Personaltrainer Valerio erzählte, täglich (!) zum Sport hierher. Bis zu seiner Wahl wusste er nicht, wer dieses Bob aus Amerika ist, den er da coachte. Eines aber merkte er: er ist anders als die anderen VIPS, die unter seiner Anleitung trainierten. Einfacher, freundlicher – und nicht so beratungsresistent wie so mancher CEO („It’s frustrating!“).

Dann trafen wir uns zum ersten Mal in der großen Runde der Expert:innen (auf dem Bild ist nur die Hälfte zu sehen). Unsere Aufgabe ist es, zu hören und aus dem Gehörten heraus ein Schlussdokument zu erstellen. Dabei geht es nicht nur um die Quantität der sich zeigenden Themen, sondern auch um ihre spezifische Qualität. Eammon Conway sprach von der überraschenden freshness von Äußerungen, in denen sich die schöpferische Geistkraft bemerkbar macht. Oder anders gesagt: Wie bei empirischem Arbeiten geht es darum, theologische Goldkörner aus dem Treibsand des Gesagten herauszufiltern. Mit dem Evangelium gesprochen: Den Schatz im Acker suchen oder die eine Perle, die es wert ist, dafür alles andere zu verkaufen.

Eröffnung der Versammlung

Die Versammlung selbst begann mit einem Gebet, bei dem feierlich ein Evangeliar inthronisiert wurde. Wie auch zu Beginn jedes Sitzungstages auf dem Zweiten Vatikanischen Konzil. Kirchenreform beginnt mit dem (selbst-)kritischen Blick in das Evangelium. In schöpferischer Treue dazu wird dann auch Neues möglich. Oder wie M.-Dominique Chenu sagte: „Das Evangelium geht weiter.“

Dieselbe Perspektive haben die beiden Hauptredner:innen des ersten Tages, die beide weiße Gewänder trugen, stark gemacht: Papst Leo und die Dominikanerin Helen Alford. Beide machten auf je eigene Weise, aber in schöner Konvergenz klar: Es geht nicht um moraltheologische Kasuistik, sondern um die Wahrheit des Evangeliums.

Zugleich machten beide in konvergenter Weise ebenso den Begriff der Fragility (= Zerbrechlichkeit) menschlicher Beziehungen stark – dieser scheint mir für den Austausch der nächsten Tage ein richtungweisendes Schlüsselwort zu sein, das die vielfältige Verletzbarkeit familiärer Verbundenheiten beschreibbar macht: Einsamkeit, Überforderung, Armut, Ehescheidungen, Ablehnung queeren Lebens.

Diese Fragilität ist kein Anlass für ein distanzierendes kirchliches Othering (fragil sind immer nur ‚die Anderen‘), sondern vielmehr eine Basis gelebter Solidarität:

„Die Erfahrung der Zerbrechlichkeit wirft die Frage auf, ob wir fähig sind, einander nahe zu bleiben, wenn das Leben nicht mehr dem entspricht, was man sich erhofft hatte, und ob wir das Wirken der Gnade auch in Situationen erkennen können, die von Grenzen, Wunden und scheinbarem Scheitern geprägt sind. […] Auch in dieser Hinsicht kann die Erfahrung der Familien jeden etwas lehren, da die Zerbrechlichkeit zu unserem gemeinsamen menschlichen Dasein und somit auch zum Leben der Kirche gehört. Wir alle kennen die Kluft zwischen dem Guten, das wir uns wünschen, und dem, was wir tatsächlich leben können. […] Das Bewusstsein für diese gemeinsame Herausforderung sollte die Art und Weise prägen, wie wir einander in der Kirche begleiten.“

Stimme des Papstes

Vor diesem Hintergrund nannte Papst Leo Amoris laetitia nicht nur einen „wichtigen Meilenstein“ der jüngeren Lehrentwicklung, vielmehr verortet er das wohl umstrittenste Lehrschreiben seines Vorgängers auch im Horizont der Heilsgeschichte, in welcher das Evangelium heute weitergeht: „Wir bringen Geschichten mit, die davon erzählen, was Gott unter uns gewirkt hat.“ Um diese Geschichten zu heben, schlägt er einen lehramtlich epochalen Shift von einer lehrenden zu einer lernenden Kirche vor:

„Dieser Dienst versetzt uns auch in eine Schule des Zuhörens. Die Weisheit des Volkes Gottes erreicht uns durch unseren gemeinsamen Glauben, der alle Familien erleuchtet – auch jene, die von Schwierigkeiten, Einsamkeit und bisweilen sogar von scheinbarem Scheitern geprägt sind. Der Herr selbst lehrt uns geduldig, wenn wir uns die Zeit nehmen, zuzuhören, und wir können gewiss viel von den Familien lernen. Ihr Leben stellt uns […] vor Fragen, die es verdienen, mutig angegangen zu werden.“

Explizit nennt der Papst folgende Fragen:

„Was suchen die Menschen hinter diesen kulturellen Veränderungen wirklich? Was offenbaren uns ihre Freuden und Hoffnungen, ihre Sorgen und Ängste? Wo gelingt es unserer pastoralen Sprache und Praxis, einen Weg zu eröffnen, und wo versagen sie dabei, die Herzen der Menschen zu berühren oder sie in ihrem Streben, Gutes zu tun, zu unterstützen? Was lehrt uns die gelebte Erfahrung der Familien – eine Erfahrung, aus der wir noch nicht vollständig gelernt haben? Was können wir als Begleitung für ein gesundes und heiliges Familienleben anbieten? Was können wir insbesondere von Eltern lernen, die versuchen, ihre Kinder und Jugendlichen in solchen Kontexten zu begleiten? […] Ich lade euch ein, diesen Fragen in diesen Tagen ihr volles Gewicht beizumessen.“

Die kommende Versammlung möge jene „pastorale Kreativität wecken, die wir angesichts neuer Fragen benötigen“:

„Möge der Herr uns die Freiheit schenken, einander zuzuhören, die Weisheit, sein Wirken unter seinem Volk zu erkennen, und den Mut, ihm dorthin zu folgen, wohin er uns führt, damit das Evangelium jeden Tag immer mehr zur Frohen Botschaft für die Familien auf der ganzen Welt wird.“

Stimme der Dominikanerin

Wie im Falle von Timothy Radcliffe OP im Kontext der Weltsynode zur Synodalität, so war es auch diesmal wieder ein britisches Mitglied des Prediger:innenordens, das der Versammlung in einer geistlichen Einstimmung („Meditazione“) einen weiterführenden Weg wies: Helen Alford OP. Im Zentrum ihrer dichten, ebenso klugen wie mutigen Meditation stand die johanneische Gestalt der Samariterin am Jakobsbrunnen, die sich in einer von der römischen Schultheologie ‚irregulär‘ genannten Lebenssituation befand.

Beginnend mit einem schönen Stück Kindertheologie[1], lotete Helen Alford von dorther „beauty and fragility“ des Evangeliums der Familie aus: „We are called to proclaim the Gospel both of and to families.” In diesem Zusammenhang brachte sie auch jenes Konzept der ‚Gradualität‘ ins Spiel, das Kardinal Schönborn während der Amoris laetitia zugrundeliegenden Familiensynode diskursöffnend eingebracht hatte: Ideale lassen sich auch in graduell abgestufter Weise leben. Das Glas ist dann nicht halb leer, sondern – mindestens – halb voll.  

Von diesem „law of gradualness” ausgehend, lassen sich die ihn abschließend gestellte Fragen in jesuanischem Geist weiterführend beantworten:

  • Where and how can we recognise God already at work in the lives of families?
  • What can we learn from families, in their beauty and their fragility?
  • How can we proclaim the Gospel not only to families, but also with them, encouraging them to proclaim actively the Gospel of the family?

Es folgte spontaner Applaus, obwohl eigentlich Stille vorgesehen war.


[1] One evening, a mother and father were walking with their child along the shores of Lake Trasimeno, which is not far from Assisi, the home of the Poverello, the 800th anniversary of whose death we have the joy to celebrate in these days. The two parents had been thinking that they should start talking to their little son about God. So, looking up into the evening sky, they began a conversation with him. “Who do you think is up in the heavens?”, they said. He thought a bit and then said “the birds”. “Yes, yes”, they replied, “but who else?”. He thought a bit more, then said, “the sun”, followed by “the moon” and “the stars”, as his parents continued to prompt him for more answers. In the end, they said to him, “but don’t you think God is in the heavens too?”, to which he replied, quite firmly, “Oh no, no – God is here, with us”.