Man hat sich bemüht
Bitte gestatten Sie mir, diesen Rechenschaftsbericht des Vorstandes als AG-Vorsitzender und noch mit einigen persönlichen Worten im Sinne eines Rückblicks auf die letzten 7 Jahre zu beschließen – aus Respekt vor Amt und Arbeitsgemeinschaft in einem ausformulierten Text.
Sieben Jahre im Vorsitz der AG gehen für mich nun zu Ende: 2019 bis 2026 – das letzte Jahr als ungeplante Verlängerung in kommissarischer Leitung zusammen mit Katharina Karl.
Sieben Jahre, die eigentlich – wenn man die Zeit als stellvertretender Vorsitzender (2017-2019) hinzurechnet – neun Jahre gewesen sind: 2017 bis 2026.
Zeit also und Stoff genug, Bilanz zu ziehen.
Neuausrichtung der AG:
Angefangen hat alles mit einer umfassenden Neuausrichtung der Arbeitsgemeinschaft, die seit ihrer Gründung 1966 „Konferenz der deutschsprachigen Pastoraltheolog[:inn]en“ hieß und dann 2019 in „Arbeitsgemeinschaft für Pastoraltheologie“ unbenannt wurde.
Dieser Prozess hatte bereits unter Leitung von Richard Hartmann mit einem von mir erstellten Konzeptpapier mit dem Titel Strukturen klären, Kontraste ermöglichen, Relevanz steigern begonnen.

Folgende Problembeschreibungen, Veränderungsoptionen und Ansatzpunkte wurden vorgeschlagen und von der AG mit mehrheitlicher Zustimmung angenommen:
- STRUKTUREN KLÄREN nach dem Motto „Mehr Profil durch Differenzierung“:
In der außerfachlichen Öffentlichkeit gab die AG als Theorie-Praxis-Hybrid ein recht diffuses Gesamtbild ab. Dem sollte durch eine verbesserte Erkennbarkeit im Sinne einer klareren Unterscheidung – nicht Trennung! – von scientific community und Beteiligung pastoraler Akteur:innen begegnet werden.
Daraus ergab sich eine Option für veränderte Strukturen. Konkret wurde diese Option in der genannten Umbenennung analog zur Umbenennung der Pastoraltheologischen Informationen in Zeitschrift für Pastoraltheologie bzw. im Sinne einer Angleichung an andere Fachgesellschaften.
Ein weiteres Element war die Umgestaltung des Beirats, die zu einer stärkeren Entflechtung von Leitung der wissenschaftlichen Arbeitsgemeinschaftund ihrer strukturierten Verknüpfung mit pastoralen Feldakteur:innen führte. Als beratendes Organ ist dieser nun vor allem Knotenpunkt, Wahrnehmungssonde und Aktionsplattform unseres fachkonstitutiven Praxisbezugs.
- KONTRASTE ERMÖGLICHEN nach dem Motto „Mehr Kreativität durch Diversifikation“.
Wenn in einer Arbeitsgemeinschaft nur knapp die Hälfte aller Lehrstühle in Deutschland, Österreich und der Schweiz präsent ist, dann stellt diese keine wirkliche Fachvertretung dar.
Es ergab sich eine Option für gesteigerte Diversität. Nötig erschien ad intra ein besseres Abbilden fachlicher Vielfalt im Sinne gesteigerter Binnendifferenzierung (inkl. differenzfreudigerer Redner:innentableaus), ergänzt ad extra durch einen Ausbau internationaler, interkonfessioneller und interreligiöser Kontakte.
Gezielte Kooperationsangebote an Nichtmitglieder bzw. nicht aktive Mitglieder AG der sollten daher mit fachinterner Versöhnungsarbeit jenseits alter Konfliktlinien (inkl. Vor-Ort-Besuche) verknüpft werden – ergänztdurch eine intensivere Zusammenarbeit mit fremdsprachiger bzw. evangelischer, muslimischer und jüdischer Praktischer Theologie und säkularen Wissenschaften. Ad intra scheiterte die Realisierung dieser Option jedoch leider u. a. an den Grenzen innerfachlicher Versöhnbarkeit angesichts tiefgehender Verletzungsgeschichten. Und ad extra an den Energieressourcen eines nicht selten überlasteten Vorstands.
- RELEVANZ STEIGERN nach dem Motto „Mehr Reputation durch Diskursivierung“:
Wenn das gesamttheologische Ansehen eines Fachs auch aus selbstverschuldeten Gründen unterhalb seiner nachkonziliaren Möglichkeiten als Kernfach einer insgesamt pastoral konstituierten Theologie bleibt (vgl. Veritatis gaudium), dann erzeugt diese epistemische Selbstverzwergung wissenschaftstheoretischen Handlungsbedarf – seit jeher die akademische Achillesverse unseres Fachs.
Es ergibt sich die Option für eine entsprechend intensivierte Theoriearbeit: eine gesteigerte Aufmerksamkeit für die wissenschaftliche Selbstrekonstruktion des Eigenen auf dem Diskursniveau der Gegenwart bzw. auf Augenhöhe mit anderen theologischen und wissenschaftlichen Disziplinen.
Vorstandarbeit:
Mit diesen Optionen für verstärkte Strukturarbeit, Beziehungsarbeit und Theoriearbeit sind wir im 2019 gewählten und 2021 wiedergewählten Vorstand gestartet. Wir haben den Schwerpunkt der AG-Arbeit dabei vom Beirat in einen vergrößerten, von der theologischen Herkunft her diversen Vorstand verschoben.
Nach einiger Zeit (Stichwort: lernender Vorstand) übernahm dabei dann jedes Mitglied einen eigenen Verantwortungsbereich – intern liebevoll ‚Ministerien‘ genannt.
Unsere Zuständigkeiten waren:
- Finanzen und Beirat: Katharina Karl. Wir alle kennen nun Deine Sorgenfalte, wenn es z. B. im Fall von groß dimensionierten Jubiläumskongressen finanziell eng wird. Dass Du Dich zusammen mit Thomas Böhm und Jan Loffeld dieses undankbaren Themas angenommen hast, war eher organisationales Pflichtgefühl denn persönlicher Neigungswinkel – und ich finde das verdient einen besonders warmen Dankbarkeitsapplaus, der auch Deine Sorge für den Beirat miteinschließt.
- Infrastruktur und Sonderbeauftrage Berlin-Kongress: Teresa Schweighofer. Du hast nicht nur immer wieder organisatorische Aufgaben übernommen, Du warst auch ein wunderbare Gastgeberin unseres Jubiläumskongresses – und Du bist und bleibst die ungekrönte Königin des AG-Merches!
- Kommunikation: Jan Loffeld hat die Verantwortung für den Newsletter übernommen und ist immer wieder mit niederländischem Pragmatismus eingesprungen, wenn Not am Mann war.
- Schriftführung: Thomas Böhm – in gleich mehreren Vorstandskonstellationen bewährt: verlässlich, lösungsorientiert, immer für einen qualifizierten Plausch zu haben.
- Geschäftsführung auf Honorarbasis: zunächst Paulina Pieper, dann Madeleine Helbig-Londo: engagiert, mitdenkend, unverzichtbar.
- Ich selbst: Gesamtleitung und Außenrepräsentation, Prozess der Neuausrichtung, Website-AG, Vorbereitung der Kongresse und Symposien – inkl. inhaltliche Eröffnung. Generell habe ich meine eigene Führungsaufgabe v. a. epistemisch-inhaltlich und ansonsten eher minimalinvasiv interpretiert.

Alltagsgeschäft:
Da war zum einen das normale Alltagsgeschäft in Vorstand und Geschäftsführung:
- Vorstands- und Beiratstreffen,
- Symposien und Kongresse,
- Mitgliederversammlungen,
- Newsletter und Rundmails,
- Stellungnahmen,
- Münchner und dann Frankfurter Gespräche,
- Steuersachen und Finanzangelegenheiten,
- Aufnahme neuer Mitglieder,
- Bewerbungsgespräche,
- Nachrufe,
- u.v.m.
Dann waren da aber auch inhaltliche Schwerpunkte, die wir in diesen Jahren bewusst gesetzt haben – allen voran das vermutlich Sichtbarste: die Kongresse und Symposien, die wir als Vorstand zusammen mit wechselnden Teams federführend mitvorbereitet haben.
Kongresse und Symposien:
Während der vergangenen neun Jahre hatten wir folgende Kongressthemen:
- Säkularität (2019 in Schmerlenbach)
- Klimakatastrophe (2021 in Leitershofen)
- Wer ist WIR (2023 in Leitershofen)
- 250 Jahre Pastoraltheologie (2024 in Berlin)
- Werkstattkongress (2025 in Frankfurt)
Die community-internen Symposien hatten diese Themen (inkl. einer Pandemie-bedingten Rhythmusunterbrechung bzw. des ursprünglich als Symposion vorgesehenen Jubiläumskongresses):
- Rechtspopulismus (2018 in Darmstadt, noch unter der Leitung von Richard Hartmann)
- Referenztheorien (2022 in Bochum)
Bei der Gestaltung dieser Kongresse und Symposien waren uns nicht zuletzt zwei Neuerungen wichtig, die Ihnen vielleicht gar nicht so sehr aufgefallen sind:
- Vegetarische Ernährung für alle (seit dem Klimakongress 2021) und
- Geschlechtergerechtigkeit bei den geladenen Redner:innen (ebenfalls seit 2021).
Neben der bereits genannten Option für verstärkte Theoriearbeit (Symposion Referenztheorien, Jubiläumskongress) wird im rückschauenden Hinblick auf die genannten Themen die weitgehend unbewusst getroffene Fachoption für eine konzilsinspirierte Theologie der Zeichen der Zeit deutlich, die sich nicht allein auf innerkirchliche Reformthemen fokussiert, sondern diese im Rahmen gesamtgesellschaftlicher Problemstellungen bearbeitet (Stichworte: Rechtspopulismus, Säkularität, Klimakatastrophe, Wer ist WIR).
Diese thematische Entgrenzung bedeutete jedoch gleichwohl nicht, dass ‚klassische‘ Fachthemen wie z. B. die kritisch-theologische Begleitung von Synodalem Weg bzw. Weltsynode vernachlässigt wurden, zu denen wir uns – im Sinne einer nicht minder engagierten Option für evangeliumsgemäße Kirchenreform – als Vorstand im Namen der AG mehrfach in öffentlichen Stellungnahmen geäußert haben.
Ergänzt wurden diese theologisch-fachlichen Optionen für Strukturveränderung, Diversitätssteigerung, Theoriearbeit, Gesellschaftsprobleme und Kirchenreform durch zwei weitere, ganz bewusst getroffene AG-Optionen: für Digitalpräsenz und Fachzukunft.
Option für Digitales:
Zusammen mit der Agentur Wunderlich & Weigand wurde in mehrjähriger Arbeit eine neue Website der AG erstellt, inklusive eines neuen Logos. Pastoraltheologie – das vielleicht schönste Fach der Welt – als Abenteuer kreativer Differenzen, sichtbar gemacht in der Überschneidung der beiden grafischen Elemente: Theorien und Praktiken, Kirche und Gesellschaft, Gott und die Welt. Wer je selbst einmal ein solches Projekt gestemmt hat, weiß, wieviel kaum gesehene Detailarbeit das vor allem auf den letzten Metern ist – aber es hat sich gelohnt.
Ich meine: Das Ergebnis kann sich noch immer sehen lassen!

Im Rahmen dieser ‚Option für Digitales‘ wurde die Nutzung kommunikativer und diskursiver Onlineformate auch für uns selbstverständlich (Stichwort: Coronapandemie) – es gab:
- kostensparende digitale Treffen von Vorstand und Beirat im Wechsel mit Treffen in physischer Kopräsenz (mindestens einmal im Jahr)
- sowie das neue Gesprächsformat der Digitaldebatte, das wir für die Diskussion des Synodalen Weges (2021 intern, 2022 mit den Systematiker:innen der AG Dogmatik und Fundamentaltheologie) sowie für problembezogene Treffen des Professoriums (2025, 2026) genutzt haben.
Option für die Jugend:
Ein letzter Schwerpunkt unserer Vorstandarbeit war die aktive Förderung junger Pastoraltheolog:innen in der Qualifikationsphase im Zuge einer bewusst getroffenen theologischen ‚Option für die Jugend‘, d. h. im Sinne einer nachhaltigen Arbeit an der Zukunft unseres Fachs.
Konkret wurde diese Option z. B. durch das Ermöglichen einer eigenen ‚Nachwuchstagung‘ im Vorfeld unserer Kongresse und Symposien, durch wissenschaftliche Postersessions sowie nicht zuletzt auch durch die Möglichkeit, sich durch die Moderation von Kongressen der fachlichen Community zu zeigen.
Andere Arbeitsgemeinschaften beneiden uns um unsere Nachwuchssituation: Wir haben nicht nur vergleichsweise viele, sondern auch vergleichsweise sehr gut junge Leute im Fach!
Dank an Katharina Karl:
Nachdem der übrige Vorstand bereits im vergangenen Jahr in Frankfurt verabschiedet wurde, bleibt mir nun nur noch ein finaler Dank an Dich, liebe Katharina, für Deinen Einsatz als stellvertretende Vorsitzende seit 2019 – bis hin zu unserer ungeplanten Verlängerung im vergangenen Jahr.
Dahinter steht, dass unsere eigentlich sehr gute Idee einer Findungskommission für den neuen Vorstand, mit der wir den Übergang aus dem Hinterzimmer herausholen und in einen transparenten, offen und partizipativ strukturierten Prozess überführen wollten, leider nicht so funktionierte wie gedacht…
Daher hieß es für uns im letzten September: noch einmal für ein Jahr in die Verlängerung gehen, jedoch mit reduziertem Aufgabenumfang und vor allem mit großartiger Unterstützung von Lucas Zimnik in der Geschäftsführung, ohne den das alles nicht möglich gewesen wäre.
Auch wenn wir beide aus der ‚unterfränkischen Toskana‘ stammen, so wurden wir doch bei Andreas Wollbold bzw. Ottmar Fuchs theologisch auf ganz unterschiedlichen ‚Planeten‘ sozialisiert – und gerade deswegen war unsere Zusammenarbeit für mich immer eine sehr bereichernde Erfahrung.
Wir haben unsere Rollen als Vorsitzender und Stellvertreterin über die Jahre immer mehr als eine Art Teamleitung verstanden, bei der Du immer mehr so etwas wie eine Ko-Vorsitzende wurdest.
Gefühlt sind wir nun schon eine halbe Ewigkeit an der Spitze der AG gestanden – und da lässt es sich auch nicht verhindern, dass man sich ziemlich gut kennenlernt.
Du hast dabei im Lauf der Jahre auch so gut alle meine Fehler und Schwächen kennengelernt – und es dennoch nicht aufgegegebe, mit mir zusammenzuarbeiten.
Das weiß ich sehr zu schätzen!
Ganz offen gesagt: Meine Wertschätzung für Dich war immer schon sehr hoch – in unserer Zusammenarbeit ist sie über die Jahre sogar noch gewachsen!
Kein Wellness-Gutschein, auch keine ganze Woche in einem Badetempel Deiner Wahl kann aufwiegen, was Du an Zeit, Energie und Herzblut investiert hast.
Über unsere gemeinsame Zeit im Vorstand könnte man ein ganzes Buch schreiben.
Damit Du dazu schon mal ein persönliches Memoir anlegen kannst (oder für theologische Feldnotizen in Argentinien und anderswo), bekommst Du von mir in den nächsten Tagen noch ein Notizbuch in edlem Suhrkamp-Schwarz – und als kleine Anzahlung darauf jetzt schon einmal diese wunderbare Sonnenblume.

Persönliches Resümee:
Ich komme zum Schluss.
Der im Rahmen unserer Vorstandsarbeit von mir wohl am häufigsten verwendete Begriff war: Restenergieniveau.
Denn alles, was wir angepackt haben, musste ehrenamtlich geschehen – on top, zusätzlich zu allen Sonstigen, gerade noch so, mit dem manchmal sehr kleinen noch übrigen Energierest.
Nicht selten mussten wir schnell handeln und entscheiden: instinktiv, nur dem eigenen inneren Kompass folgend. Auf Restenergieniveau eben…
Manche unserer hehren Ziele sind an den begrenzt vorhandenen Zeit- und Energieressourcen gescheitert: nicht unser Wollen, sondern unser Können hat einfach nicht ausgereicht.
Vieles an unserer Vorstandarbeit hat dennoch Spaß gemacht – aber, und das gehört mit zur Wahrheit der vergangenen Jahre, leider längst nicht alles.
Es gab auch schwierige Momente und schwierige Personen.
Dazu gehört auch, dass AG-bezogenes Engagement nicht überall und jederzeit mit kollegialem Wohlwollen rechnen kann.
Für jemanden, der es gerne allen recht macht und der vielleicht auch von allen gemocht werden will, ist vor allem der AG-Vorsitz nicht unbedingt der allerbeste und allergesündeste Job.
Ich persönlich habe in den vergangenen Jahren – offen gestanden – einiges an Lehrgeld bezahlt, nicht wenige Ansprüche reduziert und so manche Federn gelassen.
Diese Erfahrungen machen demütig mit Blick auf das Geleistete und gnädig mit allen Vorgängern und Nachfolgenden.
Wir übergeben heute dennoch ein im Großen und Ganzen gut bestelltes Haus: Eine wachsende AG, die nicht nur für neue Mitglieder attraktiv ist, sondern sich auch kontinuierlich verjüngt hat.
Selbst wenn ich nicht immer ein perfekter Vorsitzender war, so wir waren im Vorstand doch stets ein fantastisches Team.
Nun dürfen gerne andere übernehmen.
Ich danke den uns Nachfolgenden für ihre Bereitschaft, Verantwortung zu übernehmen und wünsche ihnen nicht nur guten Geist und eine glückliche Hand, sondern auch eine solidarische Arbeitsgemeinschaft.
Mir selbst bleibt zum Schluss nicht viel mehr als nur die wunderbar pathosfreie finale Selbsteinschätzung Willy Brandts: „Man hat sich bemüht.“
- Das Gute im Gewesenen: Dafür bin ich dankbar.
- Die gemachten Fehler: Dafür bitte ich um Verzeihung.
- Dass wir dennoch vieles voranbringen konnten: Das macht mich stolz.
- Dass es gut weitergehen wird: Da bin ich mir ganz sicher.
- Das Neue im Kommenden: Darauf bin ich gespannt.
Ich selbst freue mich nun sehr auf neue Freiheiten und wünsche der AG – insbesondere meinem designierten Nachfolger und dem ganzen neuen Vorstandsteam – alles erdenklich Gute!
Es war mir eine Ehre.
Kloster Oberzell, 14. September 2026

